Teldafax-Verfahren in Bonn
Prozess steht plötzlich vor dem Aus

500.000 Gläubiger, 500 Millionen Euro Schaden, aber keine Haftstrafen für die Verantwortlichen: Einer der größten Wirtschaftsstrafprozesse der vergangenen Jahre endet wohl mit einer Blamage für die Staatsanwaltschaft.

DüsseldorfVor einer Woche ließ sich das Landgericht Bonn für den Teldafax-Prozess noch Termine bis 2017 reservieren, nun will die Justiz die Arbeit doch lieber einstellen. Wie ein Gerichtssprecher am Donnerstag bestätigte, könnte der Prozess in wenigen Tagen vorbei sein. Der Vorsitzende Richter habe vorgeschlagen, die meisten Anklagepunkte gegen die drei angeklagten ehemaligen Vorstände des Billigstromanbieters fallenzulassen. Die Staatsanwaltschaft hat bereits ihre Zustimmung signalisiert. Die Angeklagten kämen so mit Bewährungsstrafen davon.

Es wäre ein jähes Ende für eines der größten Wirtschaftsstrafverfahren Deutschlands. Teldafax hinterließ bei Zusammenbruch 2011 mehr als eine halbe Million Gläubiger und 500 Millionen Euro Schaden. Das Unternehmen war im Sommer 2009 nachweislich zahlungsunfähig, schleppte sich aber mit den Vorkasse-Zahlungen von immer neuen Kunden noch bis zum völligen Kollaps im Juni 2011 weiter. Der Insolvenzverwalter stellte den Betrieb dann innerhalb weniger Tage völlig ein.

Kurz nach dem Insolvenzverwalter rückte die Staatsanwaltschaft Bonn bei Teldafax ein. Es war der Beginn einer unglücklichen Reise. Eineinhalb Jahre lang ermittelten die Beamten, dann erhoben sie im Februar 2013 Anklage. Kurz darauf teilte das Landgericht Bonn mit, es werde frühestens Anfang 2014 darüber entscheiden, ob die Teldafax-Klage angenommen wird. Man sei überlastet. Im Februar 2014 kam es dann tatsächlich zum Prozess, noch schon am zweiten Verhandlungstermin wurde das Verfahren wieder ausgesetzt. Nach einjähriger Vorbereitung merkte die verhandelnde Strafkammer 7a, dass sie ja gar nicht zuständig war.

Im Januar 2015 begann der Prozess dann erneut. Die Beweislast schien erdrückend. Schon im Sommer 2009 hätte Teldafax zum Insolvenzgericht gehen müssen. „In der Kalenderwoche 25 wurde der Tatbestand der Zahlungsunfähigkeit festgestellt“, schrieb der Vorstand an seinen Aufsichtsrat. Man habe jetzt drei Wochen Zeit für einen Insolvenzantrag. Die drei Wochen vergingen, aber der Antrag wurde nicht gestellt. Im Oktober vermerkte das Hauptzollamt Köln in einem Prüfbericht, dass Teldafax insolvenzreif sei. Aber als Finanzvorstand Alireza Assadi dann tatsächlich am Monatsende Insolvenz anmelden wollte, wurde er vom Aufsichtsrat entlassen. Teldafax machte weiter.

Die Vorstände verstärkten die Werbemaßnahmen, senkten die Preise und lockten so immer neue Kunden in ihr Schneeballsystem. Während Teldafax den Strom billiger verkaufte, als es ihn einkaufte, genehmigten sich die Vorstände mit den Vorkasse-Zahlungen ihrer Kunden Nettogehälter von bis zu 17.000 Euro pro Monat.

Dass dies nicht rechtens sein konnte, mochten manche Beteiligte später nicht mehr leugnen. So akzeptierte die ehemalige Marketing-Chefin von Teldafax schon im November 2013 einen Strafbefehl. Sie war damit wegen der Beihilfe zur Insolvenzverschleppung zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt, während ihre ehemaligen Chefs noch mauerten.

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