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08.08.2007 
Pro Chaos

Chaostage im Büro

von Sebastian Matthes, Wirtschaftswoche

Schon im Kinderzimmer lernen wir: Ordnung ist das halbe Leben. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Unordentliche Schreibtische haben einen Sinn. Ein Schreibtisch funktioniert wie ein Komposthaufen, der Speisereste verdaut, wenn man ihm nur genug Zeit gibt. Ein Plädoyer für das perfekte Chaos.

Unaufgeräumte Schreibtische haben auch Vorteile. Lupe

Unaufgeräumte Schreibtische haben auch Vorteile.

DÜSSELDORF. Erstaunlich, dass die polierte Tischplatte überhaupt noch durchblitzt. Auf dem antiken Schreibtisch im 15. Stock von New Yorks Park Avenue türmen sich Stapel mit Zeitschriften, Briefen und Unternehmensanalysen. Darunter begraben: vergilbte Kinderfotos, Schreibgerät, Notizzettel. An dem Platz, wo der gefürchtete Finanzinvestor Guy Wyser-Pratte über millionenschwere Geschäfte entscheidet, herrscht Chaos. Aufräumen? Wyser-Pratte räumt nie auf.

Und das ist vermutlich gut so. Nach Erkenntnissen von Psychologen arbeitet jeder Mensch auf seinem eigenen Chaos-Level am effektivsten. Zu Unrecht werden Chaoten als Hallodris verspottet, die ihren Arbeitsalltag nicht unter Kontrolle hätten. Unordentliche Menschen sind oft kreativer, meist spontan und sparen Zeit. Deswegen warnen Experten vor einer übertriebenen Ordnung, die nichts anderes sei als eine "Reduktion von Freiheit", sagt Jürgen Kriz, Psychologe an der Universität Osnabrück.


Bildergalerie Bildergalerie:  Überleben im Büro – wie Sie mit Blendern, Cholerikern und Intriganten fertig werden


Edith Stork ist eine Inkarnation dieses Ordnungswahns. Die vielbeschäftigte Ex-Sekretärin ist sich sicher: Wer immer höhere Stapel auf seinem Schreibtisch züchtet, hat ein "ungelöstes Problem". Stork sorgt deshalb als Beraterin für Ordnung in fremden Büros und mistet bei Teams mit 20 Leuten schon mal bis zu "drei Tonnen Papier" aus, wie sie sagt. Anschließend verordnet sie den Patienten ihr patentgeschütztes Ablagesystem AP-Dok.

In Deutschland blüht die Ordnungsindustrie. Einige Hundert professionelle Aufräumer durchwühlen bereits systematisch Büros. In den USA sind es sogar mehr als 4000, die sich in der Aufräumer-Lobby "National Association of Professional Organizers" verbandelt haben. Sie sortieren Schreibtische in Einzelsitzungen, schreiben Bücher und predigen die absolute Ordnung auf Vorträgen.

Ihr Dogma: Nur an einer leergeräumten Tischplatte wird effizient gedacht und geschafft, nur hier sind vernünftige Strategien und kreative Gedanken möglich. Die reine Lehre ist die leere Schreibtischplatte.

Das ist Unfug. Ein unaufgeräumter Schreibtisch kann ein höchst funktionales Arbeitsumfeld sein: Er organisiert sich von selbst. Wichtige Dokumente thronen auf Stapeln in greifbarer Nähe, in der "heißen Zone". Unwichtiges wandert, wie von unsichtbarer Hand geführt, von der "warmen" in die "kalte" Zone, gen Schreibtischrand und erledigt sich dort von selbst.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: In Büros tummeln sich Dutzende Chaos-Typen.

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