Der mangelnde Glaube an die Medienkompetenz der Bürger

Donnerstag, 04.12.2008

Heute geht das Abendland unter. Könnte man meinen. Also, zumindest dort, wo es Lidl-Läden gibt. Die verkaufen seit heute eine Handy-große Videokamera, die Creative Vado, für 69,99 Euro. Das tun sich nicht einfach so, sondern in Kooperation mit der "Bild". Denn sie will aus den Lidl-Kunden ein Volk von Video-Reportern im Auftrag der "Bild" machen.

Die mediale Begleitung dieses Angebots demonstriert, wie sehr die Medien noch immer glauben, dass sie es seien, die das Volk führen könnten.

Die unerträgliche Behäbigkeit des BVDW-Arbeitskreises Social Media

Dienstag, 02.12.2008

Verbände sind nicht sonderlich schnell, flexibel oder agil. Das an sich ist schon traurig, denn sie erfüllen eine durchaus wichtige Funktion im Wirtschaftsleben: die Bündelung und Vertretung der Interessen ihrer Mitglieder.

Ein Unbeteiligter könnte nun denken, ein Verband, der die Internet-Wirtschaft vertritt, der ist schneller. Das wäre ein Fehlschluss, wie der Bundesverband Digitale Wirtschaft BVDW in diesen Tagen demonstriert.

Weil der Journalist sich ändern muss

Montag, 01.12.2008

Krisen sind keine schöne Sache. Doch sie sind auch ein Moment der Besinnung. Eine Chance zu hinterfragen, warum es so weit gekommen ist. Das gilt auch für die Medien - und gerade für uns Journalisten. Erst jetzt - und damit viel zu spät - wacht mancher Berufsstandskollege auf und wundert sich ob des Sturms, der ihn umtost.

Da gibt es jene, die versuchen, sich neu zu orientieren. Und andere, die sich weiterhin beständig dem Sturm entgegenstellen. Letztere sind die, die scheitern werden. Denn die Welt dreht sich nun mal weiter und Fortschritt ließ sich immer nur temporär aufhalten. Meist waren selbst dafür Mittel nötig, die das Zerschlagen von Körperteilen oder ähnlich unappetitliche Handlungen beinhalteten - und somit in der westlichen Welt nur noch gedämpfte Popularität genießen.

Die Haltung vieler Journalisten hat Harald Staun in einem sehr lesenswerten Stück in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" beschrieben:
"Die Erkenntnis, dass die Zukunft des Journalismus im Internet liegt, ist nicht besonders originell, und trotzdem finden sich noch immer Kollegen, die all jene für Ketzer halten, die sich auf diese Zukunft einstellen – als handle es sich um eine Frage des persönlichen Geschmacks."

Seine Kollegen demonstrierten ihre Internet-Kompetenz leider damit, dass sie das Stück online nicht freischalteten, obwohl es dort sicherlich ordentlich diskutiert werden würde.

***Nachtrag: Das stimmt nicht, der Artikel ist hier online. Nur die Suche von FAZ.net endet auf einem kostenpflichtigen Artikel.***

"Ich habe ja nichts dagegen, für online zuschreiben", sagt denn mancher Kollege. Allein: Unserem Beruf wird künftig mehr abgefordert, als die alte Tätigkeit einfach in ein anderes Redaktionssystem zu verlagern. Wer heute Journalist ist - und nicht gerade in baldiger Zeit gen Rente manövriert - steht vor der größten Herausforderung, die unser Beruf vielleicht jemals gesehen hat.

ARD-Programmdirektor Volker Herres, Du Medien-Held, Du

Montag, 01.12.2008

Es gebührt ein Wort des Dankes. Für einen, der macht und nicht lang debattiert: ARD-Programmdirektor Volker Herres.

Am vergangenen Donnerstag stand er vor einer schweren Wahl. Um 20.15 Uhr hätte er einen "Brennpunkt" zu den Anschlägen in Bombay senden lassen können. Doch das hätte die Verleihung des Bambi verschoben, jenes Medienpreises, der angesichts seiner durch eine hochkarätige Jury in tagelangen Ausleseprozessen ermittelten Sieger, eine besondere Aufmerksamkeit verdient.

Herres entschied sich gegen einen "Brennpunkt". Damit bewies er ein erstaunliches Polit-Gespür. Immerhin geht es hier nicht allein um das Verteilen designtechnisch fragwürdiger Statuetten. Nein, dies ist auch eine nicht zu unterschätzende Subvention des Staates - in Gestalt seiner öffentlich-rechtlichen Anstalt ARD. Ohne großes Gemucker wird hier ein notleidendes Medienhaus mit Sachleistungen unterstützt - Hut ab, vor so viel Hilfsbereitschaft.

Und schließlich sprach Herres auch noch wahre Worte. Ein "Brennpunkt" hätte zu diesem Zeitpunkt - also rund 24 Stunden nach Beginn der Angriffe - nichts berichten können, was über die eigentliche Nachrichtenlage hinausgegangen wäre. Ja, das ist echte Selbsterkenntnis. Da würde mancher doch denken: "Möönsch, die ARD, die kann mir das Geschehen einordnen, kann darlegen, was passiert ist, so ne öffentlich-rechtliche Redaktion, die erklärt mir jetzt die Welt." Nein, Volker Herres hat es gezeigt: Die ARD kann das nicht mehr. Sie ist besser aufgestellt in Sachen Bambi-Übertragung.

Danke, Volker Herres. Sie sind ein Medien-Held.

Clay Shirky und Ralf Zilligen in der bel étage

Montag, 01.12.2008

Auch bei unserem Medien-Podcast bel étage kommen wir um die Krise der Medien nicht herum. Einerseits ist sie für viele der Moment, etwas Neues zu beginnen. Zum Beispiel für Ralf Zilligen, den im Unfrieden gegangenen Ex-Kreativchef der Großagentur BBDO. Er will mit einem neuen Agenturmodell an den Start gehen, das Kunden medienneutral berät. Den Namen der Neugeburt vergisst man nicht - schreibt ihn aber mindestens 20 mal falsch, bevor man es draufhat: Arthur Schlovsky.

Die düstere Seite der Medienkrise vertritt Clay Shirky, Medienwissenschaftler und Autor des lesenswerten Buchs "Here comes everybody". Er pflückt die Argumente von Verlagsmanager auseinander, mit denen sie begründen, Zeitungen befänden sich in einer Konjunktur- und nicht in einer Strukturkrise - und das mit deutlichen Worten.

Zu hören gibt es die bel étage bei Itunes oder hier:

Ein trauriger Tag, ein epochaler Tag

Donnerstag, 27.11.2008

Gestern Abend war ich auf einer Veranstaltung von Yahoo Deutschland. Wir smalltalkten am Anfang über Twitter und dass der Dienst inzwischen zu einer meiner wichtigsten Nachrichtenquelle geworden ist.

Es war genau der Moment, da der Terror in Bombay begann. Und als ich zwischendurch - unhöflich, ich weiß - mal kurz per Handy auf Twitter schaute, passierte genau das wieder: Während seit rund einer Stunde die ersten Meldungen über mehrere Schießereien und Explosionen gen USA gedrungen waren und dort von einigen Twitteranern diskutiert wurden, war auf deutschen mobilen Web-Seiten allein bei FAZ.net eine Meldung zu finden.

Über Nacht hat sich all dies noch einmal neu geordnet. Und deshalb glaube ich: Der heutige Tat wird ein Durchbruch werden auf dem Weg Twitters zum Massenmedium.

Ein Zombie weniger - Lycos Europe geht von uns

Mittwoch, 26.11.2008

Es wird heute und morgen Medien geben, die überschriften: "Wirtschaftskrise erreicht Internet-Branche". Grund wird die Meldung aus dem Hause Bertelsmann sein: Lycos Europe wird verkauft, 500 von 700 Mitarbeitern verlieren ihren Job.

Letzteres ist traurig. Das Aus für Lycos aber ist nur sehr begrenzt der aktuellen Krise geschuldet. Faktisch war die Firma seit Jahren ein Zombie, ein Dead Portal walking. Lycos war nie großartiger Technologieführer, nie besonders cool, nie besonders schnell. Es war einfach da und hatte einen hübschen Werbehund.

Am Leben gehalten wurde das Konstrukt nur, weil der Chef Christoph Mohn heißt. Und sein Vater Reinhard. Und der ist Patriarch im Hause Bertelsmann.

Das Ende nun ist ein Verlust für die Mitarbeiter. Die Web-Welt kann insgesamt aber auch recht gut ohne Lycos leben. Spannend wird es sein, wie den Nutzern dies nun erklärt wird. Ob Daten verschachert werden oder gar Datenbanken mit E-Mails oder anderen Informationen einfach verschwinden.

Sieben Tage bis zur Machtmaschine

Mittwoch, 26.11.2008

Es gibt Gründe, warum Deutschlands Verlage im Internet so dahindümpeln. Dazu gehört, jede Idee in ein Projektteam zu leiten, das in unendlichen Projektsessions über Monate - "Es ist ja so schwer, einen Termin zu finden" - ein "Proposal" entwirft, das nach einigen Monaten der Geschäftsführung vorgelegt wird, die Nachbesserungen fordert, die nur wenige Monate später in das Papier geschrieben sind, woraufhin es dem Vorstand vorgelegt wird, der aber noch mehr Informationen zur Entscheidung...

Und dabei reden wir von Investitionen in überschaubaren Bahnen.

Manchmal müssen da junge Leute ran, um zu zeigen, was möglich ist. Die Volontäre der Axel-Springer-Akademie, zum Beispiel. Deren bisherige Online-Schritte waren oft von Holprigkeit geprägt. Doch man merkte zumindest: Da tut sich was.

Und nun hat ein Team - laut Turi2 innerhalb von nur einer Woche - eine Politik-Seite namens Macht-Maschine produziert.

Perfekt ist sie nicht. Aber in weiten Teilen doch von mehr Esprit und Schwung geprägt als der Politik-Teil der meisten Online-Nachrichtenseiten. Und deshalb von mir angesichts der knappen Ressourcen ein dickes Lob. Hätte das eine Redaktion der Geschäftsführung vorgeschlagen: Es wäre wohl niemals umgesetzt worden.

Kronstorf reloaded

Montag, 24.11.2008

"Hast Du die Google-Meldung in der Financial Times Deutschland gesehen?", fragte mich mein Ressortleiter heute in der Morgenkonferenz. Es geht dabei um den Bau eines Datenzentrums im österreichischen Dörfchen Kronstorf.

Ja, ich hatte sie gesehen. Im Mai. Als ich darüber für das Handelsblatt geschrieben habe.

Und so wird die eigentlich gar nicht so fürchterlich spannende Geschichte um den Google-Bau in einer neuen Wendung noch einmal zum Beispiel, wie sehr sich Journalisten noch einfinden müssen in die neue Zeit der Kommmunikation.

Telekom-Spitzel-Opfer in der bel étage

Freitag, 21.11.2008

Als Journalist fragt man sich in diesen Tagen ja schon: Was wäre wenn Obermann anruft? Wenn man erfährt, dass man ebenfalls von der Deutschen Telekom abgehört wurde?

Ist ja nicht mal unwahrscheinlich, schließlich bespitzelte der Konzern sogar Kinder. Und nicht nur Handy-Anschlüsse sind betroffen, sondern auch Festnetz-Nummern bei anderen Anbietern. Unser Chefredakteur Bernd Ziesemer hat dazu einen sehr passenden Leitartikel verfasst.

Einer, den es getroffen hat, ist Jürgen Berke. Er sitzt zwei Stockwerke über der Handelsblatt-Redaktion und beackert seit langer Zeit Telekom-Themen für die "Wirtschaftswoche". Für die neue Ausgabe unseres Medienpodcasts bel étage sprach ich mit ihm über das Gefühl, überwacht zu werden. Weiteres Thema: Die massive Umstrukturierung der Gruner + Jahr Wirtschaftspresse.

Zu hören gibt es die bel étage bei Itunes oder hier:

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