| HANDELSBLATT, Montag, 27. November 2006, 06:00 Uhr | ||||||||||||||||||||||||
Glücksökonomie | ||||||||||||||||||||||||
Das große Nullsummenspiel | ||||||||||||||||||||||||
Von Norbert Häring | ||||||||||||||||||||||||
Ökonomen können endlich erklären, warum reichere Nationen nicht auch glücklicher sind. | ||||||||||||||||||||||||
Um fast 40 Prozent ist das reale Pro-Kopf-Einkommen der US-Bürger von 1975 bis 1995 gestiegen – glücklicher sind die Amerikaner dadurch nicht geworden. Ähnlich ist es in fast allen anderen Industrieländern: Die heutige Generation ist sehr viel reicher als die ihrer Eltern und Großeltern – aber keineswegs mit ihrem Leben zufriedener.
Dem US-Ökonom Richard Easterlin ist dies 1974 zum ersten Mal aufgefallen. Doch die traditionelle Ökonomie hat Jahrelang um dieses Paradoxon einen Bogen gemacht. Denn die etablierte Wirtschaftswissenschaft trifft es ins Mark. Deren typische Grundannahme ist: Die Menschen maximieren ihren Nutzen – und in ökonomischen Fragestellungen ist dieser um so größer, je höher das eigene Einkommen ist. Wenn das so wäre, müsste eine Generation, deren Einkommen und Vermögen doppelt so hoch ist wie das ihrer Eltern, auch merklich zufriedener sein. In den vergangenen 20 Jahren hat sich eine neue ökonomische Disziplin namens „Happiness Economics“ etabliert. Ihre Vertreter nutzen die immer umfangreicheren Umfragen zur Lebenszufriedenheit und Laborexperimente, um der Frage nachzugehen, was die Menschen wirklich um- und antreibt. Die Forschungsleistung dieser Fachrichtung nimmt exponentiell zu. Seit 1994 erschienen im Schnitt pro Jahr in ökonomischen Fachzeitschriften 35 Aufsätze, die Glück oder Lebenszufriedenheit im Titel führten, hat der britische „Glücks-Ökonom“ Andrew Clark ermittelt. Vorher waren es nur etwa drei pro Jahr. Zu den bekanntesten Vertretern der Disziplin gehören neben Easterlin Bruno Frey (Zürich), Richard Layard (London School of Economics), Andrew Oswald (Warwick) und Daniel Kahneman (Princeton). Eine ihrer wichtigsten Erkenntnisse: Die meisten Menschen interessieren sich weit mehr für ihre relative Einkommensposition als für ihr absolutes Einkommen. So auch Harvard-Studenten in einem berühmten und immer wieder betätigten Experiment. Die Studenten wurden gefragt: Würden sie lieber 50 000 Dollar verdienten, wenn das Durchschnittseinkommen bei 25 000 Doller liegt – oder bei gleichem Preisniveau lieber 100 000 Dollar, wenn alle anderen 200 000 Dollar bekommen? Die große Mehrheit der Befragten entschied sich für die erste Variante. Oberhalb eines Existenzminimums ist Einkommen für uns offenbar nicht in erster Linie wegen zusätzlicher Konsummöglichkeiten wichtig – sondern weil es direkt und indirekt unseren Status in der Gesellschaft bestimmt. Wer sein Einkommen steigert, wird tatsächlich – statistisch betrachtet – zufriedener mit seinem Leben, haben Glücksökonomen festgestellt. Aber: Wenn andere mehr verdienen, werden diejenigen, die ihr Einkommen nicht steigern, unzufriedener. Das erklärt einiges von dem Easterlin-Paradox. Denn die Summe der Rangplätze innerhalb einer Vergleichsgruppe ist fix. Was einer an Status gewinnt, verlieren die anderen. Ein zweiter Teil der Erklärung des Paradox liegt in Anpassung der Ansprüche und Ziele an die tatsächliche Entwicklung. Dies vermutete Easterlin schon 1974, konnte es aber zunächst nicht belegen. Inzwischen haben Psychologen und Glücksökonomen nachgewiesen: Von dem positiven Effekt, den eine Einkommenserhöhung auf die Lebenszufriedenheit hat, ist nach wenigen Jahren nicht einmal mehr die Hälfte übrig. Ein dritter, damit verwandter Erklärungsbeitrag: Die Menschen brauchen für ihre Zufriedenheit ein stetig steigendes Einkommen, unabhängig von dessen Höhe. Stillstand empfinden sie als Rückschritt, Rückgang als Katastrophe. Dies hat der spätere Ökonomie-Nobelpreisträger Kahneman vor über zwei Jahrzehnten erstmals festgestellt, andere Forscher haben es immer wieder bestätigt. Wichtigster Datenlieferant für die Glücksökonomen sind lang laufende Panel-Erhebungen, wie das Deutsche Sozioökonomische Panel, bei denen auch die Frage nach der Lebenszufriedenheit gestellt wird. „Panel“ bedeutet, dass einerseits ein Querschnitt der Bevölkerung mit der gleichen Frage konfrontiert wird, andererseits jedes Jahr die gleichen Personen befragt werden. So lässt sich recht verlässlich ermitteln, was Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Einkommen und Gesundheitszustand für die Lebenszufriedenheit bedeuten und wie sich Veränderungen auswirken. Dabei fanden die Glücksforscher heraus: Das absolute Einkommen, das die traditionelle Ökonomie als allein maßgeblich betrachtet, ist für die Lebenszufriedenheit zwar nicht ganz unwichtig, verblasst aber gegenüber anderen Faktoren. Arbeitslosigkeit, psychische Krankheiten, Ehescheidung und mangelnde soziale Integration sind die wichtigsten Glückskiller. Eine intakte Familie, Freunde, nette Kollegen und ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Anerkennung am Arbeitsplatz haben den gleichen positiven Einfluss auf die Lebenszufriedenheit wie sehr große Unterschiede oder Veränderungen im Einkommen. Zudem tritt bei diesen Faktoren keine oder nur begrenzt Gewöhnung ein. Daraus folgt: Wer für ein etwas höheres Gehalt einen Job mit schlechteren Arbeitsbedingungen annimmt, der womöglich noch Belastungen für sein Familienleben mit sich bringt, läuft Gefahr, einen schweren Fehler zu machen. Die Forschung hat zudem festgestellt: Die Menschen unterschätzen, dass sie sich an höhere Einkommen gewöhnen – daher dürften solche Fehler nicht selten sein. Aus diesem Befund ergeben sich brisante Schlussfolgerungen für die Wirtschaftspolitik. So fordert der britische Ökonom Richard Layard in seinem Buch „Die glückliche Gesellschaft“ einen generellen politischen Kurswechsel. So kann Layard hohen Steuern und den mit ihnen verbundenen negativen Leistungsanreizen viel Positives abgewinnen – weil sie das glücksschädliche „Rattenrennen“ um Status durch Einkommen und Konsum begrenzen. Auch die Standardforderung der Ökonomen, zur Produktivitätssteigerung die Mobilität der Arbeitnehmer zu erhöhen, hält Layard für falsch. Denn unter häufigen Umzügen leiden familiäre Beziehungen und soziale Netzwerke; und mit der Mobilität steigt auch die Kriminalität – all dies wirkt sich negativ auf die Lebenszufriedenheit der Menschen aus. Durch etwas höhere Einkommen werden diese Einbußen nicht ausgeglichen. Mit solchen Thesen ist Layard unter den Glücksökonomen zwar nicht allein, aber Konsens über die wirtschaftspolitischen Implikationen herrscht in der Zunft keineswegs. So lehnt es Bruno Frey ab, mit staatlichen Interventionen gegen das tief im Menschen verwurzeltes Statusstreben anzugehen. Auch von links werden die Thesen der Glücksökonomen kritisiert. So fragte Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen mit Blick auf einen Armen, der zufrieden ist, weil er wenig vom Leben erwartet: „Können wir wirklich glauben dass es ihm gut geht, nur weil er glücklich und zufrieden ist?“ Die Frage ist nicht nur philosophischer Natur. So haben Forscher festgestellt: Die niedrige Lebenszufriedenheit von Arbeitslosen hat sich durch großzügige Lohnersatzleistungen in Europa nicht verbessert. Daraus kann man einerseits schließen, dass zu hohe Lohnersatzeinkommen entgegen der herrschenden Ökonomenmeinung kaum für zu geringe Arbeitsanreize sorgen können. Andererseits könnte man daraus ableiten, dass es sich politisch nicht lohnt, Arbeitslose finanziell gut abzusichern – sie bleiben trotzdem unzufrieden. | ||||||||||||||||||||||||
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