0 Bewertungen
13.05.2008 
Verheugen kontra Kommission

EU droht Zerreißprobe im Importstreit über US-Hühnerfleisch

von Helmut Hauschild

Die Forderung der USA nach einem raschen Ende des europäischen Einfuhrverbots für amerikanisches Geflügelfleisch stellt die EU vor eine Zerreißprobe. Der Konsens ist bisher eine Aufhebung des Importstopps – die Ansichten über damit verbundene Auflagen sind jedoch grundverschieden.

BRÜSSEL. EU-Kommissionsvize Günter Verheugen versprach am Dienstag Vertretern der US-Regierung in Brüssel, die EU werde das Importverbot bis zum Herbst vollständig aufheben.

Ein aktueller Vorschlag von Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou sieht dagegen nur vor, den USA die Einfuhr von chlorbehandeltem Geflügelfleisch befristet für zwei Jahre zu erlauben. Auch müssen die US-Importeure strenge Auflagen akzeptieren, unter anderem eine Kennzeichnungspflicht für ihre chlordesinfizierten Hühnerschenkel. Mehrere EU-Staaten, angeführt von Frankreich, lehnen aber selbst zaghafte Lockerungen des Importverbots ab. Sie wollen jeden Vorschlag der EU-Kommission im Ministerrat blockieren.

Anlass für Verheugens weitgehendes Versprechen an die USA war ein Treffen des Transatlantischen Wirtschaftsrats gestern in Brüssel. Er war vor einem Jahr unter deutschem EU-Vorsitz von Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident George W. Bush gegründet worden. Ziel der mit viel Vorschusslorbeer bedachten Initiative unter Leitung von Verheugen und Bushs Außenwirtschaftsberater Dan Price ist eine bessere Zusammenarbeit der beiden größten Wirtschaftsmächte. Die Unternehmen sollen dadurch von Kosten in Milliardenhöhe entlastet werden. Doch der Streit über das Importverbot für US-Geflügel belastet zunehmend Merkels Prestigeprojekt. Washington ist massiv verärgert, dass die EU das seit 1997 bestehende Verbot bisher nicht aufgehoben hat, und hat den Konflikt zu einem „Lackmustest“ für die Zukunft des Transatlantikrats erklärt. Die EU begründet ihr Verhalten damit, dass chlorbehandeltes Geflügel in Europa nicht zum Verzehr zugelassen ist.

Dennoch sicherte Verheugen den USA gestern zu, dass die EU die Einfuhr amerikanischen Geflügelfleischs freigeben werde. Die Kommission werde bis Anfang Juni einen entsprechenden Vorschlag beschließen und sich dann bei den Mitgliedstaaten und dem Europaparlament dafür einsetzen, sagte er. US-Wirtschaftsberater Price betonte, seine Regierung erwarte die Aufnahme der Importe spätestens bis zum nächsten Treffen des Transatlantikrats im Oktober. Dass Verheugens Kollegin Vassiliou offenbar mit dem Einverständnis von Kommissionspräsident José Manuel Barroso die Einfuhr nur befristet und unter Auflagen zulassen will, wies Price zurück. „So verstehen wir den Vorschlag nicht“, sagte er.

Ob und in welchem Umfang das Importverbot tatsächlich aufgehoben wird, hängt aber letzten Endes von den EU-Staaten ab, die jedem Vorschlag der Kommission zustimmen müssen. Vor allem Frankreich will es beibehalten, um seine Geflügelzüchter zu schützen. Unterstützt wird Paris von Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU), der sich ebenfalls gegen die Freigabe der US-Geflügelimporte gewandt hat. Dies dürfte Merkel missfallen, die ein Scheitern des Transatlantikrats unbedingt verhindern will.

Wegen des Hähnchenstreits ist Merkels Initiative praktisch blockiert und hat gestern auch in anderen Bereichen kaum Fortschritte erzielt. So kündigte die US-Regierung lediglich an, dass sie Erleichterungen für importierte Elektrogeräte aus der EU prüfen wolle. Europäische Hersteller müssen ihre Geräte in den USA einem zweiten Sicherheitscheck unterziehen, was hohe Kosten verursacht. Im Gegenzug will Brüssel die US-Kosmetikindustrie vor den Folgen der Chemikalienrichtlinie Reach schützen und bis Jahresende die US-Bilanzierungsregeln GAAP anerkennen.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

zurück
  • Obamas Kabinett nimmt Gestalt an

    Obamas Kabinett nimmt Gestalt an

    Die Milliardärin Penny Pritzker aus Chicago soll nach US-Medienberichten Wirtschaftsministerin in der Regierung des designierten Präsidenten Barack Obama werden. Mit dieser Personalie nimmt die Regierungsmannschaft zwei Wochen nach der US-Wahl allmählich Gestalt an.Bildergalerie 

  • Was auf dem Weltfinanzgipfel beschlos...

    Was auf dem Weltfinanzgipfel beschlossen wurde

    Auf dem Weltfinanzgipfel in Washington wollten die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) einen Fahrplan für eine neue Weltfinanzordnung vereinbaren, die eine Finanzkrise, die die ganze Welt in die Rezession treibt, in Zukunft verhindern soll. Was beschlossen...Bildergalerie 

  • Was führende Köpfe vom Finanzgipfel e...

    Was führende Köpfe vom Finanzgipfel erwarten

    Nichts Geringeres als eine neue Weltfinanzordnung wollen die 20 Staats- und Regierungschefs der größten Wirtschaftsmächte am Wochenende in Washington aus der Taufe heben. Was Politiker, Konzernchefs, Ökonomen und andere führende Köpfe aus der Finanzwelt vom Weltfinanzg...Bildergalerie 

vor

 

 

weiterGlobal Reporting

Wie Berlin das EU-Konjunkturpaket torpediert 

20.11.2008Global Reporting

130 Milliarden Euro soll das Konjunkturpaket kosten, das die Brüsseler EU-Kommission nächste Woche präsentiert. Die Zahl ist mit Vorsicht zu genießen, denn sie kommt aus Berlin. Die Bundesregierung steht seit einigen Wochen auf Kriegsfuss mit der EU. Blog


weiterMadagaskar

Südkorea mietet Madagaskar 

19.11.2008Madagaskar

Die Lebensmittelknappheit führt zu merkwürdigen Geschäften, die nach Neokolonialismus riechen: Der südkoreanische Konzern Daewoo mietet auf 99 Jahre in Afrika ein Stück Agrarland, halb so groß wie Belgien. Und das auf Madagaskar. Blog