Konjunktur + Ökonomie
WebNewsDieser Artikel als DruckversionSchlagzeile per E-Mail verschickenIhre Meinung zum Artikel
 HANDELSBLATT, Montag, 11. Februar 2008, 07:33 Uhr
Online-Spiele und Ökonomie

Der Professor und die Sternenkrieger

Von Oliver Voss

Der isländische Ökonom Eyjolfur Gudmundsson ist der Alan Greenspan des Web: Der Wissenschaftler hängte Mitte 2007 seinen Job an der Uni an den Nagel und wurde Chefvolkswirt beim Rollenspiel "Eve Online". Dort analysiert er die Ökonomie der Science-Fiction-Welt - von den Raumschiffpreisen bis zum Rohstoffangebot. Ökonomisch geht es bei "Eve Online" zu wie im richtigen Leben - derzeit droht Inflation.


Bis letzten Sommer hatte der Mann mit Online-Spielen nicht viel tun. Ein paar Partien Schach hatte er mal im Internet gespielt, sonst nichts. Eyjolfur Gudmundsson war Dekan der Wirtschaftsfakultät an der Universität von Akureyri in Island, und mit seinem Leben durchaus zufrieden.

Inzwischen zockt Eyjolfur Gudmundsson täglich im Internet – beruflich, keineswegs zum Vergnügen. Der Isländer mit dem nahezu unaussprechlichen Vornamen ist der weltweit erste Chefökonom eines Computerspiels. Seinen Job an der Uni tauschte er gegen einen Posten bei einem kleinen isländischen Computerspiele-Hersteller. „Alan Greenspan der virtuellen Welt“ nennt sich der 38-jährige nun. Er berät andere Spieler ebenso wie die Software-Firma; und mit seinen Forschungsprojekten in virtuellen Welten will er die Ökonomie revolutionieren.

»  „Eve Online“ heißt das Online-Spiel, dessen oberster Wirtschaftsforscher Gudmundsson ist. Es handelt sich um ein Science-Fiction-Abenteuer und zählt zu den beliebtesten Rollenspielen im Internet. Bis zu 200 000 Spieler schlüpfen dort täglich in die Rolle von Piloten und Kopfgeldjägern, sie handeln mit Mineralien oder bauen Raumschiffe, um ihr Geld zu verdienen.


»  Neue Trends in VWL und BWL – der Ökonomie-Newsletter bringt sie einmal pro Woche auf den neuesten Stand


„Eve Online“ ist komplizierter als andere Online-Spiele. Es dauert Wochen, bis man sich in der Weltraumwirtschafts-Simulation einigermaßen zurechtfindet. Deswegen haben die Macher den Ökonomen angeheuert. „Wie Manager auf die Wirtschaftsdaten der realen Welt vertrauen müssen, brauchen Eve-Spieler Analysen der virtuellen Ökonomie“, sagt Hilmar Petursson, Chef der isländischen Spielefirma CCP.

Das Internet und Computerspiele haben schon jetzt das Freizeitverhalten von Millionen Menschen verändert. Gudmundsson wird wohl nicht der letzte Ökonom sein, der für die Spieleindustrie arbeitet. Bei vielen Spielen ist ein funktionierendes Wirtschaftssystem so wichtig, wie eine realistische Grafik. Und mit der zunehmenden Komplexität der Angebote steigt der Bedarf an wissenschaftlicher Expertise. Zudem bieten die Spiele Ökonomen neue Forschungsmöglichkeiten.

Edward Castronova von der Indiana University war der erste Volkswirt, der sich wissenschaftlich mit virtuelle Welten beschäftigt hat. Seine 2001 veröffentlichte Analyse des Spiels „Everquest“ ist eine der am häufigsten im Internet herunter geladenen ökonomischen Aufsätzen aller Zeiten. Castronova berechnete in der Arbeit darin den realen Wert der virtuell geschaffenen Güter. Sein Fazit: Die Spieler erzeugen pro Stunde mehr als drei Dollar. Das Bruttoinlandsprodukt des Spieles liege zwischen dem von Russland und Bulgarien.

Auf solche Werte kommt man, da manche Spieler mit viel Geld und weniger Zeit und Muße virtuelle Gegenstände oder ganze Charaktere für echtes Geld kaufen. Für die virtuelle Währung „Linden Dollar“ im Spiel „Second Life“ gibt es sogar einen offiziellen Wechselkurs. Bei anderen Spielen sind solche Geschäfte zwar offiziell verboten, der Handel mit virtuellen Waren boomt trotzdem. Der Autor Julian Dibbel in einem Selbstversuch gezeigt, dass man vom Handel mit virtuellen Gütern erfolgreich leben kann – und hat das Buch „Play Money“ darüber geschrieben, Dibbel schätzt die Wirtschaftskraft aller virtuellen Welten auf mehr als 28 Milliarden Dollar. „Das ist eine solide Zahl“ sagt Castronova. Die Angabe ist allerdings insofern hypothetisch, als letztlich nur ein Bruchteil der Pixelreichtümer in klingende Münze getauscht wird. Echtes Geld fließt vor allem beim Verkauf der Spiele und für die monatlichen Gebühren. Für „Eve Online“ zahlen die Spieler im Monat je nach Abonnement zwischen 11 und 15 Dollar.

Die Internet-Universen müssten so wie die Wirtschaft echter Länder reguliert und besteuert werden, fordert Castronova. Die Spiele würden immer beliebter und wichtiger, die Verflechtungen mit der realen Welt nähmen deutlich zu – deswegen brauche man klare Regeln ebenso wie verlässliche Institutionen, die sich um deren Einhaltung kümmern. Castronova erwartet daher, dass auch andere virtuellen Welten dem Beispiel der isländischen Spielefirma CCP folgen und Politologen und Ökonomen einstellen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Warum Gudmundssons Raumschiff immer wieder abgeschossen wird


WebNewsDieser Artikel als DruckversionSchlagzeile per E-Mail verschickenIhre Meinung zum Artikel
Weitere News und Tools
Weitere News sowie Tools zu dieser Rubrik finden Sie hier
ForumFORUM - diskutieren Sie mitalle Foren
 

MEHR ARTIKEL AUS DER RUBRIK:


Suche im Web:


Seitenanfang


Homepage | Site Map | Hilfe | FAQ | Kontakt | Partnerprogramm | Mediadaten

Abo | Bücher | Veranstaltungen | Webtipps

WEBLOGS
Blog  Deutsches Q1-BIP: Von Krise keine Spur
Kommentar

Im ersten Quartal ist die deutsche Wirtschaft gegenüber den letzten drei Monaten des Jahres 2007 überraschend kräftig um 1,5% gewachsen. Der Einstieg in das Jahr 2008 war so gut, dass wir unsere Wachstumsprognose für das gesamte Jahr von 1,8% auf 2,4% erhöhen.
Blog Gaga-Fernsehen nun auch auf Arte
Blog EZB-Sitzung: Eingekeilt
TOP-FORSCHER / -FAKULTÄTEN
Alles zum Handelsblatt-Ranking VWL
Wer sind Deutschlands beste Ökonomen? Das Handelsblatt-Ranking VWL klärt auf.
WACHSTUMSPROGNOSEN
DeutschlandDeutschlanddie Wachstumsprognosen für Euro-Zonedie Wachstumsprognosen für USAdie Wachstumsprognosen für Japan
Veränderung des realen BIP zum Vorjahr in %
20092008
Consensus Economics1,81,7
EU-Kommission1,51,8
Frühjahrsgutachten der Institute1,41,8
IWF1,01,4
Bundesregierung1,21,7
OECD2,1
Sachverständigenrat1,9
ARBEITSMARKT DEUTSCHLAND
Apr 08Mär 08Feb 08
Arbeitslose in Mill.3,4143,5073,617
Arbeitslosenquote in %8,18,48,6
Soz.vers.pfl. Beschäftigte in Mill.27,151
Erwerbstätige in Mill.39,92539,789
» alle Daten
Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Destatis, Bundesbank
STIMMUNG DEUTSCHLAND
Mai 08Apr 08Mär 08
Ifo-Klima102,4104,8
- Ifo-Erwartungen96,898,4
- Ifo-Lage108,4111,5
ZEW-Index-40,7-32,0
GfK-Konsumklima5,94,84,5
» alle Daten
Ifo-Klima 1)
FAKTEN
DeutschlandDeutschlanddie Fakten für Euro-Zonedie Fakten für USAdie Fakten für Japan
Mär 08Feb 08Jan 08Dez 07
Industrieproduktion, % zum Vormonat-0,50,21,41,5
Auftragseingang Gesamt, % zum Vormonat-0,6-0,6-0,7-1,2
Q1 2008Q4 2007Q3 2007Q2 2007
BIP-Wachstum, % zum Vorquartal1,50,30,70,2
2008200720062005
Haushaltssaldo in % des BIP0,10,0-1,6-3,4
» alle Daten
Haushaltssaldo 2008: Prognose der OECD
Quelle: Bundesbank, Destatis, Ifo, OECD
LEITZINSEN IN %
RegionZinssatzLetzte
Änderung
Euro-Zone4,00stabil
USA2,00gefallen
Großbritannien5,00gefallen
Japan0,50stabil
» Mehr zur Geldpolitik im ECB Shadow Council
Quelle: EZB, FRS, BoE, BoJ
ORDNUNGSPOLITISCHER EINSPRUCH


Disziplin zahlt sich aus


Drei Jahreszahlen markieren den Weg zur europäischen Währungsintegration: 1993, 1998 und 2008. Sie machen zugleich deutlich, durch welch unterschiedliche monetäre Welten wir uns innerhalb von anderthalb Jahrzehnten bewegt haben. Nach starken Währungsturbulenzen und großen Risiken wird 2008 ein besonders herausragendes Jahr in der Positionierung der europäischen Geldpolitik.

Von Michael Hüther

AUSSENWIRTSCHAFT
ArtikelFinanzkrise belastet Indien-Geschäft
ArtikelImporte aus China fast verdreifacht
ArtikelMerkel lenkt den Blick auf Lateinamerika

Handelsblatt.com
VideoAudioMobilJobsNewsletterForumWeblogShopArchiv / wirtschaftspresse.bizAbo / Leserservice
Update 2008

Ranking: Die besten deutschen Ökonmen im Ausland
Top-Fakultäten

Interaktive Grafik: Die besten Adressen für VWL.
Indikator

Wie sich die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal entwickelt.
VorschauTermine

Wichtige Konjunkturdaten in dieser Woche