0 Bewertungen
26.06.2006 

Wider die Mär von den effinzienten Finanzmärkten

von Norbert Häring, Frankfurt

Für jeden, der Sinn und Verstand in den Bewegungen der Aktienkurse sucht, sind die Kursverluste von etwa 14 Prozent, die der Deutsche Aktienindex zwischen Anfang Mai und Mitte Juni erlebte, eine Herausforderung. Bei den Börsen der Schwellenländer waren es sogar im Durchschnitt 25 Prozent. Analysten erklären den unerwarteten Kursverfall nachträglich mit der Furcht vor übermäßig stark steigenden Notenbankzinsen. Wirklich überzeugend ist diese Erklärung aber nicht. Auslöser für die Zins- und Inflationsangst, die nach vorherrschender Ansicht hinter den Kursverlusten steht, war, dass die US-Kerninflationsrate mit 0,3 Prozent einen Tick höher als die erwarteten 0,2 Prozent ausgefallen war. Zweistellige Kursverluste an den Aktienmärkten der Welt sind dafür ein stolzer Preis.

Drei Ökonomen haben in einer Studie, die demnächst in der Fachzeitschrift „Review of Financial Studies“ erscheint, gezeigt, warum unscheinbare neue Informationen oft völlig überproportionale Wirkungen erzielen – selbst wenn alle Investoren völlig rational sind.

Um den scheinbaren Widerspruch aufzulösen, nehmen Franklin Allen (University of Pennsylvania), Stephen Morris und Hyun Song Shin (beide: Princeton) einen Gedanken auf, der auf John Maynard Keynes zurückgeht. Schon 1936 verglich der Grand Seigneur der Makroökonomie die Kursfindung am Aktienmarkt mit einem Schönheitswettbewerb. Ein Beobachter, der die Gewinnerin vorauszusagen versucht, wählt nicht die aus seiner Sicht schönste Teilnehmerin – sondern diejenige, von der er meint, dass sie den meisten Juroren am besten gefällt.

In Bezug auf die Finanzmärkte schrieb Keynes: „Wir haben die zweite Ordnung erreicht, bei der wir unsere Intelligenz darauf verwenden, vorauszusagen, was im Durchschnitt erwartet wird, dass die durchschnittliche Erwartung sein wird.“ Die Ökonomen Allen, Morris und Shin gießen genau das in ein Modell der Finanzmärkte. Sie knüpfen damit an Arbeiten der beiden Princeton-Ökonomen Markus Brunnermeier und Dilip Abreu an.

In dem jetzt präsentierten Modell bestimmt die heutige durchschnittliche Einschätzung der morgigen durchschnittlichen Einschätzung der zukünftigen Kursentwicklung den heutigen Kurs. Dabei taucht das Problem der fehlenden Zeitkonsistenz auf. Das heißt: die Einschätzung dessen, was morgen die Einschätzung der langfristigen Kursentwicklung sein wird, entspricht nicht unbedingt der heutigen Einschätzung über die langfristige Kursentwicklung.

Ein Beispiel: Ich nehme an, im Durchschnitt halten die Investoren den Aktienmarkt für überbewertet. Ich weiß aber, dass die meisten Investoren noch nicht verkauft haben. Also schließe ich, dass sie im Durchschnitt zumindest kurzfristig noch mit einem Kursanstieg rechnen. Also kaufe ich.

Das wird morgen genauso sein, so dass sich die Abfolge der Tagesprognosen für die durchschnittliche Einschätzung des nächsten Tages nicht mit der längerfristigen Prognose der durchschnittlichen Einschätzung deckt. Jeden Tag wird die Diskrepanz größer. Rationale Investoren haben einen Anreiz, „die Blase zu reiten“, wie es im Finanzjargon heißt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie es zum plötzlichen Stimmungswandel kommt

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Zuletzt besucht / gesucht

Anzeige

weiterTop-Downloads

Hot Papers in VWL und BWL  Artikel in Merkliste

12.07.2008

Wie lassen sich Rohölpreise und Bärenmärkte an der Börse besser prognostizieren? Und kämpft die US-Notebank mit den richtigen Mitteln gegen die Finanzkrise? Mit diesen Fragen beschäftigen sich ökonomische Forschungspapiere, die derzeit im Web besonders häufig herunterladen werden. Lesen Sie mehr über die "Hot Paper" in BWL und VWL. Artikel


weiterDas Grüner-Blog

Unerreichte Charttechnik Prosa 

21.07.2008Das Grüner-Blog

Mit gewohnt „bullischer Divergenz“ starten Deutschlands Charttechniker auf eine neues Jahreshoch zu. Blog


weiterKrämers Konjunktur-Kommentar

Deutsches Bruttoinlandsprodukt: Geschrumpft 

14.08.2008Krämers Konjunktur-Kommentar

Im zweiten Quartal ist die deutsche Wirtschaft gegenüber den ersten drei Monaten des Jahres in etwa im Einklang mit den Erwartungen um 0,5% geschrumpft. Blog


weiterHarald Uhlig - Makro und mehr

Danke, lrland! 

15.06.2008Harald Uhlig - Makro und mehr

Demokratie und Freiheit funktionieren noch in Europa!   Nachdem das Volk Europas das 400-Seiten starke Eurokraten-Monstrum, dass man tatsächlich mal “Vefassung für Europa” nannte, in Bausch und Bogen abgelehnt hatte, hatte die Politiker-Elite Europas eine clevere Idee. Blog