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19.02.2007 
Ökonomen: Mehr Geld für die Gesundheit ist wünschenswert

Die Gesundheitsausgaben explodieren? Gut so!

von Olaf Storbeck

Bis zum Jahr 2050 werden in den Industrieländern die Ausgaben für das Gesundheitssystem drastisch steigen, prognostizieren zwei Ökonomen aus Stanford und Berkeley. Die Gesundheitspolitik sollte aber nicht versuchen, das zu verhindern - denn die Entwicklung ist von den Menschen gewollt, lautet ihre These.

Lupe

Für die „Wirtschaftswoche“ besteht kein Zweifel: „Dem deutschen Gesundheitswesen droht der finanzielle Kollaps, wenn nicht bald wirksame Maßnahmen zur Kostendämpfung getroffen werden.“ Alle Versuche, die Kostenexplosion im Gesundheitswesen nachhaltig zu dämpfen, sind gescheitert, stellt das Magazin fest.

Der Artikel, aus dem diese Zitate stammen, erschienen am 15. Februar 1985. Seitdem hat es zwar etliche Gesundheitsreformen gegeben – bis heute aber hat die Politik die Gesundheitskosten nicht nachhaltig in den Griff bekommen.

Muss sie vielleicht auch gar nicht – denn steigende Gesundheitsausgaben sind möglicherweise nicht nur unvermeidbar, sondern sogar wünschenswert. Das zumindest ist die provokante These von zwei amerikanischen Gesundheitsökonomen.

Robert Hall (Stanford) und Charles Jones (Berkeley) sind der Frage nachgegangen, wie sich die Gesundheitsausgaben in hoch entwickelten Industrieländern in den nächsten Jahren entwickeln werden und welche Ausgabenhöhe gemessen an der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt optimal wäre.

Die Ergebnisse der Studie, die soeben im renommierten „Quarterly Journal of Economics“ erschienen ist, sind brisant. Für die Vereinigten Staaten prognostizieren die Wissenschaftler: Das Gesundheitssystem dürfte in viereinhalb Jahrzehnten einen doppelt so hohen Anteil an der Wirtschaftsleistung verschlingen wie heute. Wahrscheinlich mehr als 30 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts würden die Amerikaner im Jahr 2050 in den Gesundheitssektor stecken – heute sind es 15 Prozent, 1950 waren es nur fünf Prozent.

Gemeinhin wird die Ausgabenexplosion vor allem mit Ineffizienzen und Verzerrungen im Gesundheitssystem erklärt – so gäbe es Fehlanreize, die zu übermäßigem Einsatz von teurer Apparatemedizin und neu entwickelten Medikamenten führen, lautet eine verbreitete These. Auch der technische Fortschritt an sich wird von Gesundheitsexperten häufig für die Ausgaben-Explosion verantwortlich gemacht – denn durch ihn stünden immer teurere Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, die sich quasi von allein ihre Nachfrage schafften.

Hall und Jones bieten in ihrer Arbeit eine alternative Erklärung. Sie stellen die These auf: Auch wenn es keine Fehlanreize gäbe und Gesundheitsleistungen am freien Markt gehandelt würden, würden unsere Gesundheitsausgaben stark steigen. Denn wir sind bereit, mit wachsendem Reichtum dafür einen immer größeren Anteil unseres Einkommens auszugeben, lautet die These.

Ausgangspunkt der Argumentation ist die Feststellung: Die meisten Menschen ziehen aus zusätzlichem materiellen Konsum immer weniger zusätzlichen Nutzen. Bei zusätzlichen Lebensjahren und besserer Gesundheit nicht der Fall ist.Der erste Kühlschrank und das erste Auto bringen einen deutlichen Gewinn an Lebensqualität – Zweit- und Drittgeräte dagegen stiften nur noch relativ geringen Zugewinn an Lebensqualität. Wenn unsere Lebenserwartung 80 Jahre beträgt, schätzen wir ein zusätzliches gesundes Lebensjahr dagegen genauso hoch ein wie bei einer Lebenserwartung von siebzig Jahren.

Im ökonomischen Vokabular formuliert: Gesundheit ist ein superiores Gut, ein Luxusgut, das mit zunehmendem Einkommen überproportional stark nachgefragt wird. Bei einem stetig steigenden Wohlstand folgt daraus, dass die Menschen einen immer größeren Anteil ihres Einkommens für ihre Gesundheit ausgeben – weil ihnen noch größerer materieller Konsum immer weniger gibt.

Hall und Jones verdeutlichen ihre Argumentation mit einer rhetorischen Frage: „Was ist für uns wichtiger, wenn wir älter und reicher werden: Ein drittes Auto, noch ein weiterer Fernseher und noch mehr Bekleidung – oder ein weiteres Lebensjahr?“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie die Forscher zu ihren Prognosen kommen

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