Kinder kommen mit ihrem Verhalten dem, was Wirtschaftswissenschaftler als "homo oeconomicus" bezeichnen, wesentlich näher als Erwachsene, zeigt eine neue Studie von zwei Ökonomen aus Österreich. Verhielten sich alle Menschen so, dann bräche die Gesellschaft zusammen.
Gebt den Kindern das Kommando - sie berechnen nicht, was sie tun", sang Herbert Grönemeyer vor genau zwanzig Jahren in seinem Lied "Kinder an die Macht".
Lieber nicht, ist das Fazit einer neuen Studie von zwei Ökonomen der Universität Innsbruck. Matthias Sutter und Martin Kocher zeigen mit aufwändigen Experimenten: Kinder kommen mit ihrem Verhalten dem, was Wirtschaftswissenschaftler als "homo oeconomicus" bezeichnen, wesentlich näher als Erwachsene - Kinder agieren egoistisch, geben ihresgleichen keine Vertrauensvorschüsse und honorieren Vertrauensvorschüsse nicht. Verhielten sich alle Menschen so, dann bräche die Gesellschaft zusammen.
"Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit ist eine der zentralen Säulen für effiziente wirtschaftliche Interaktionen", schreiben Sutter und Kocher in der Studie, die demnächst in der angesehenen Fachzeitschrift "Games and Economic Behavior" erscheint. Wenn Menschen miteinander kooperieren, ist es meist unmöglich, alle Rechte und Pflichten der Beteiligten exakt vertraglich festzuschreiben und durchzusetzen.
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Die Mehrzahl der Verträge, die Menschen eingehen, sind unvollständig. Oft ergeben sie sich nur implizit, indem die eine Partei eine Vorleistung erbringt, im Vertrauen darauf, dass die andere Partei dies honoriert und nicht egoistisch ausnutzt. Ohne Vertrauensvorschüsse und ohne die berechtigte Erwartung, dass die Gegenseite sich fair verhalten wird, könnten viele alltägliche menschliche Interaktionen nicht stattfinden.
Experimentelle Wirtschaftsforscher wissen seit langem, dass Menschen in vielen Situationen wesentlich weniger egoistisch agieren, als es der eigensüchtige "homo oeconomicus" tun würde. Wie stark aber dieses Sozialverhalten in verschiedenen Altersgruppen ausgeprägt ist, in welchem Maße es "gelernt" werden muss und wie es sich im Laufe der Entwicklung eines Menschen verändert, hat bisher niemand detailliert untersucht. Sutter und Kocher schließen diese Lücke.
Mit 662 Versuchspersonen aus sechs Altersgruppen - von Achtjährigen bis zu Pensionären - haben sie ein ökonomisches Experiment gemacht, das unter experimentellen Wirtschaftsforschern als "Trust Game" bekannt ist. In diesem "Vertrauensspiel" erhält eine Versuchsperson einen Betrag in Höhe 10 Geldeinheiten und kann entscheiden, ob und wie viel sie davon an einen ihm unbekannten Probanden abgibt. Dieser Betrag für die zweite Versuchsperson wird von der Versuchsleitung verdreifacht. Der Empfänger hat die Möglichkeit, einen Teil des Geldes wieder an die erste Person zurückzuschicken. Beide Akteure fahren besser, wenn sie kooperieren - die erste Partei aber nur, wenn sie darauf vertrauen kann, dass die Gegenseite mitspielt und ihre Vorleistung honoriert. Wenn der erste alles weitergibt und der zweite die Hälfte seiner Einnahmen zurückgibt, bekommt jeder 15 Geldeinheiten.
Sutter und Kocher fanden heraus: Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit steigen fast linear mit dem Lebensalter an. Achtjährige gaben im Schnitt nur zwei von zehn Geldeinheiten ab und erhielten im Gegenzug nur 0,66 Geldeinheiten zurück, machten also 1,34 Geldeinheiten Verlust. Die 16-jährigen gaben im Schnitt fast die Hälfte ab, verloren dabei aber immer noch 30 Cent, Berufstätige gaben mit 6,58 am meisten ab und bekamen 2,45 Geldeinheiten mehr zurück als sie abgaben. Bei Rentnern verschlechtern sich die Werte wieder etwas. "Vertrauen lohnt sich im Durchschnitt nur in der erwachsenen Bevölkerungsgruppe", schließen die Autoren.
