100 Millionen Euro Schaden
Wer zahlt für den Stromausfall?

Nach einem in Deutschland bisher beispiellosen Blackout und bis zu fünf Tagen bangen Wartens ist das Münsterland seit Mittwochabend wieder flächendeckend mit Strom versorgt.

HB MÜNSTER. Das Münsterland ist nach fünf Tagen ohne Strom wieder zur Normalität zurückgekehrt. Der Schnee, der in Massen in kurzer Zeit gekommen war, ist gewichen. Der Strom, dessen tagelanger Ausfall an die 250 000 Menschen in 25 Orten bis an den Rand der Verzweiflung getrieben hat, ist bis Mittwochabend fast überall wiedergekommen. Fragen sind geblieben: Wie kann so etwas in einem fortschrittlichen Land wie Deutschland passieren? Warum dauerte es so lange, bis Notstromaggregate zur Verfügung standen und Ersatzleitungen gelegt waren? Und schließlich: Wer zahlt die Zeche?

Im Zentrum der Kritik steht der Netzbetreiber RWE. Schon am vergangenen Sonntag hatte Ministerpräsident Jürgen Rüttgers auffallend schnell einen kritischen Unterton angeschlagen. Man müsse darüber nachdenken, was „noch besser“ zu machen sei, sagte der Regierungschef mit hochgezogenen Augenbrauen. Am Mittwoch legten seine Kabinettskollegen, Verbraucherschutzminister Eckhard Uhlenberg und Wirtschaftsministerin Christa Thoben (alle CDU) nach. Thoben legte RWE einen Katalog mit kritischen Fragen vor, auf den sie sich „schnell und detailliert“ Antworten erwarte. Uhlenberg polterte offen: „RWE darf sich nicht auf ein hohes Ross setzen und sagen: „Alles war in Ordnung““.

In den betroffenen Kommunen wird die Leistung, die hunderte Techniker des Stromkonzerns gemeinsam mit 4000 Freiwilligen in den vergangenen fünf Tagen und Nächten bei der Reparatur von Masten und Kabeln unermüdlich vollbrachten, durchaus geschätzt. Den Verantwortlichen nimmt man aber übel, dass vor allem anderen die Haftungsfrage mit einem klaren „Nein“ beantwortet wurde. „RWE hat uns schriftlich erklärt, dass sie keinen Schadenersatz leisten wollen“, sagt etwa der Bürgermeister der Gemeinde Laer, Hans-Jürgen Schimke. „Wir sind Kunden der RWE und haben einiges erleiden müssen“, betont er. Unter anderem hätten Laerer Bürger ganze Container mit verdorbenem Gefriergut füllen müssen. Er erwartet deshalb eine Kulanzregelung.

RWE kam am Mittwoch erst spät aus der Deckung. Die generelle Haftung schließt das Unternehmen weiterhin aus. Einen Hilfsfonds legte es aber zumindest auf. Mit fünf Millionen Euro gefüllt, soll er den am schwersten Betroffenen Linderung verschaffen. Zugleich wolle RWE auch eine umfassende Schadens- und Ursachenanalyse betreiben und dazu auch neutrale Gutachter beauftragen, kündigte der Vorstandsvorsitzende der RWE Energy AG, Berthold Bonekamp, an. Er taxierte die Schäden an den eigenen Anlagen auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Jährlich würden zwei Milliarden Euro in das Netz investiert.

Doch wie war es dennoch möglich, dass 50 Hochspannungsmasten unter der Last von nur 50 Zentimeter Neuschnee in die Knie gehen? RWE hält an der Theorie von der extremen Wettersituation mit ungewöhnlich nassem, schwerem Schnee, ungünstigen Temperaturen um den Gefrierpunkt im Zusammenspiel mit Sturmböen fest. Die Leitungen hätten unter dem Gewicht teilweise bis zur Erde durchgehangen, bis der Zug auf die Masten so stark wurde, dass diese schließlich nachgaben. Das achtfache dessen, für was sie ausgelegt sind, hätten die Masten zu tragen gehabt. Ein typischer Fall von höherer Gewalt also. Stimmt dies, wäre RWE zumindest rechtlich davor bewahrt, für Schäden aufzukommen, die allein die münsterländische Wirtschaft schon jetzt auf mindestens 100 Millionen Euro beziffert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%