100 Tage im Amt
Papst-Kult sorgt für Schlagzeilen

Ein Papst hofft wohl, sich vor allem mit wichtigen theologischen Äußerungen zu profilieren. Doch Benedikt XVI. kommt oft auf eine ganz andere Weise in die Schlagzeilen: Wenn sein Auto im Internet versteigert wird oder sein Geburtshaus zum Verkauf steht. Und auch bei Ratzingers Büchern, allesamt Bestseller, stellt sich die Frage: Euphorie oder echtes Interesse?

HB ROM. Begeistert haben die Gläubigen den neuen Papst aufgenommen und offenbar suchen sie vor allem auch den "Menschen Ratzinger“. Ein ungebrochener Papst-Kult ist die Folge, der oft für mehr Publicity sorgt als Benedikt selbst.

So bescherte das ehemalige Auto des Pontifex einem 21-jährigen Zivildienstleistenden einen wahren Geldsegen. Für fast 190 000 Euro versteigerte er das betagte Vehikel im Internet an ein Online-Kasino aus den USA. Die Nachricht ging um die Welt.

Auch dass Ratzingers Geburtshaus in Marktl am Inn jetzt verkauft werden soll, beschäftigt die Öffentlichkeit und die Medien mehr als viele anstehende religiöse Fragen. Der jetzigen Besitzerin wurde der Touristenrummel zu viel. Nun will die Marktgemeinde das Haus erwerben und ein Papst-Museum einrichten. Inzwischen sollen sich jedoch schon Ölscheichs für die Immobilie interessieren, was den Preis in die Höhe treibt. Das mag Ratzinger als abwegig empfinden, ändern kann er es nicht. "Er muss es erdulden", meint ein Vatikaninsider.

Kurz nach seiner Wahl stürmte Papst Benedikt XVI. zudem gleich mit drei eigenen Büchern in die deutschen Bestsellerlisten. "Die Werke des Heiligen Vaters finden reißenden Absatz", sagt eine Expertin. Dabei stammen die Bestseller streng genommen gar nicht aus der Hand des Heiligen Vaters, sondern aus der Zeit, als Ratzinger "nur Kardinal" war. Die Werke wurden einfach nochmal eiligst aufgelegt. "Religiöse und auch speziell christliche Themen haben in den vergangenen Jahren wieder eine deutliche Aufwertung erfahren", heißt es bei einem Verlag.

Hinzu kommen rund ein halbes Dutzend Biografien und Hochglanz-Bildbände über den neuen katholischen Oberhirten. Da geraten Buchhändler und Verlage ins Schwärmen. Schon ist von einer "Renaissance der Religion" die Rede, vom Bedürfnis nach Führung, von "Wertefrühling".

Kühle Kommentatoren vermuten indes, viele Leser seien schlicht einer Papst-Euphorie verfallen. Die nüchterne moderne Welt habe schließlich nicht mehr viele Rituale zu bieten, die es an Feierlichkeit mit einer Papstwahl aufnehmen könnten. Natürlich forschen die meisten Bücher dem "Geheimnis Ratzinger" nach. Warum wurde ausgerechnet der Deutsche gewählt? So recht erklären können sie die Sensation allerdings auch nicht.

Auch die Spielwaren-Industrie hat den Papst für sich entdeckt. Zu Ehren von Benedikt XVI. produziert eine Traditionsfirma eine 41 Zentimeter große Sammlerpuppe in einer Auflage von 999 Stück. Es wurde aber nicht der Versuch unternommen, Joseph Ratzinger nachzubilden. Eine der Traditionspuppen wurde einfach in Papst-Kleidung gesteckt. Es ist seit 100 Jahren die erste Puppe mit grauen Haaren und grauen Augenbrauen.

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