1992
Das Schreckensjahr der Queen

An ein Jahr in ihrem 80-jährigen Leben wird sich die Queen nur ungerne erinnern: 1992. Nicht nur, dass ihr die Familie Kummer bereitete, auch die Regierung sorgte für Verdruss. Doch die Queen wäre nicht die Queen, wenn sie die Probleme nicht gelöst hätte.

HB LONDON. „1992 ist kein Jahr, auf das ich mit ungeteilter Freude zurückblicke“, sagte die sonst so zurückhaltende Queen Elizabeth II. am 24. November 1992 in London. „In den Worten eines der mitfühlenderen Korrespondenten gesprochen, hat es sich als ein 'annus horribilis' herausgestellt.“ Nur selten hat sich die Monarchin so direkt zu persönlichen Problemen geäußert. Der Ausdruck „annus horribilis“ (Schreckensjahr) ist seitdem untrennbar mit der Queen verbunden.

Der Begriff ist eine ironische Anspielung auf „annus mirabilis“ – „Wunderjahr“ – ein Wort, das verwendet wird, um die Zeit besonderer Erfindungen und Entdeckungen zu kennzeichnen. Das Jahr 1666 zum Beispiel wird als „annus mirabilis“ bezeichnet: Damals entwickelte Isaac Newton die klassische Mechanik und machte revolutionäre Entdeckungen in Bewegungslehre, Optik und Gravitation. Und 1905 wird häufig „annus mirabilis“ der Physik genannt, da Albert Einstein in diesem Jahr vier bahnbrechende Arbeiten veröffentlichte.

Die Queen musste 1992 mehr als eine familiäre Krise verkraften. Es begann mit Prinz Andrew und seiner Frau Sarah, genannt Fergie: Ihre Ehekrise wurde immer offensichtlicher. Die beiden trennten sich im März des Jahres offiziell. Später im Jahr wurden „Oben ohne“-Fotos von Sarah veröffentlicht, die mit ihrem Freund John Bryan turtelte. 1996 ließ sich das Paar schließlich scheiden. Im April 1992 wurde die Scheidung von Prinzessin Anne und Mark Phillips mitgeteilt. Die beiden lebten bereits seit 1989 getrennt. Aber Anne machte im selben Jahr auch durch ein glückliches Ereignis von sich reden: Im Dezember – nur wenige Tage nach der offiziellen Trennung von Charles und Diana – heiratete sie in zweiter Ehe Timothy Laurence.

Im Frühjahr 1992 wurde öffentlich darüber diskutiert, ob die Queen weiterhin von der Einkommensteuer befreit werden solle. Elizabeth II. gab dem Druck schließlich: Seitdem ist sie steuerpflichtig auf Privatvermögen und Kapitalgewinn. Das Vermögen der Königin wird auf 400 bis 500 Mill. Dollar geschätzt. Kurz vor der „annus-horribilis“-Rede brannte überdies ein Teil von Schloss Windsor ab. Sogleich begann eine Kontroverse darüber, ob der Staat den Wiederaufbau allein zahlen solle oder ob die königliche Familie sich daran beteiligen solle – ein Streit, der ein paar Jahre vorher aus Respekt vor der Queen undenkbar gewesen wäre. Schließlich übernahm die Regierung 30 Prozent der Renovierungskosten in einer Höhe von insgesamt 63 Millionen Dollar. Die übrigen 70 Prozent übernahm die Queen. Um das Geld aufzubringen, ließ sie Schloss Windsor für Touristen öffnen. Im Herbst 1997 wurde der renovierte Flügel wiedereröffnet.

Diana-Biografie schlug ein wie eine Bombe

Und schließlich Charles und Diana: Dass es mit der Ehe der beiden nicht zum Besten stand, wurde im Laufe des Jahres 1992 immer deutlicher. Während einer Reise des Paares nach Indien im Februar ging ein Bild um die Welt - die einsame Diana vor dem Taj Mahal. Lange wies das Königshaus Gerüchte über eine bevorstehende Trennung zurück. Die Situation eskalierte im Sommer: Andrew Morton veröffentlichte das Buch „Diana. Ihre wahre Geschichte“. Er schrieb über ihre Bulimie, Selbstmordversuche, psychische Probleme. Und er berichtete über die Beziehung zwischen Prinz Charles und Camilla Parker Bowles. Später wurde bekannt, dass Diana selbst Morton alle Informationen gesteckt hatte. Die Enthüllungen sorgten weltweit für einen Riesenwirbel. Das Ansehen des Königshauses sank dramatisch. Überdies veröffentlichte eine britische Zeitung einen Monat später Details aus einem abgehörten Telefongespräch zwischen Diana und einem Mann, offenbar ihrem Liebhaber, der sie zärtlich „Tintenfischchen“ nannte. In der Presse wurde bereits darüber spekuliert, ob ein geschiedener Mann König werden könne. Die Zukunft der Monarchie wurde in Frage gestellt. Um all dem ein Ende zu bereiten, ließen Charles und Diana auf Drängen der Queen am 9. Dezember 1992 bekannt geben, sie würden sich trennen; eine Scheidung sei aber nicht geplant.

Das „annus horribilis“ der Königin ging damit zu Ende. Allerdings wurden die nächsten Jahre für sie nicht besser: Die Schlammschlacht zwischen Charles und Diana bis zur Scheidung 1996, der Unfalltod der Prinzessin 1997 in Paris, die umstrittene Beziehung zwischen Charles und Camilla, Eskapaden der Enkel, Entgleisungen – erst seit der Hochzeit von Charles und Camilla vor einem Jahr ist wieder etwas Ruhe eingekehrt.

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