20 Jahre nach dem Anschlag
Lockerbie-Prozess wird neu aufgerollt

Fast 20 Jahre nach dem Lockerbie-Anschlag muss sich der Oberste Gerichtshof Schottlands mit einem der schwersten Verbrechen gegen den internationalen Flugverkehr beschäftigen. Eine Überprüfungskommission entschied am Donnerstag, dass der wegen des Anschlags zu lebenslanger Haft verurteilte libysche Geheimdienstler Abdel Basset al-Megrahi erneut Berufung einlegen darf.

HB GLASGOW. Die unabhängige Kommission verweist Kriminalfälle immer dann an die Obersten Richter, wenn sie von Fehlurteilen ausgeht. Beim Bombenanschlag auf einen Jumbo-Jet der US-Fluggesellschaft Pan Am über der schottischen Kleinstadt Lockerbie waren am 21. Dezember 1988 alle 259 Flugzeuginsassen und elf Menschen am Boden ums Leben gekommen.

Libyen begrüßte die Entscheidung der Kommission. Sie öffne „eine Tür der Hoffnung“, was die Unschuld Megrahis angehe, sagte der mit der Angelegenheit vertraute libysche Vertreter Mohammed Elswi. Ein in den Niederlanden tagendes schottisches Gericht verurteilte Megrahi 2001 wegen Mordes zu lebenslanger Haft, die er bei Glasgow verbüßt. Sein erster Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens wurde 2002 abgelehnt. Megrahi hat statistisch gesehen gute Erfolgsaussichten: In 25 von 39 Fällen, die die Kommission an den Gerichtshof verwies, entschieden die Richter zu Gunsten der Angeklagten.

Schadenersatzklagen aus Libyen möglich

Sollte Megrahi obsiegen, könnte das zu Schadenersatzklagen Libyens gegen die USA und Großbritannien führen. Der um internationale Reputation bemühte nordafrikanische Staat hat Angehörige der Opfer mit mehr als zwei Mrd. Dollar entschädigt und gegenüber den Vereinten Nationen (UN) erklärt, er „akzeptiere die Verantwortung für das Handeln seiner Vertreter“. Diese vorsichtige Wortwahl lässt nach Einschätzung von Anwälten und Experten darauf schließen, dass Libyen im Fall der Aufhebung des Urteils jede Verwicklung in den Fall bestreiten könnte.

In ihrem Urteil von 2001 hatten es die drei schottischen Richter als erwiesen angesehen, dass Megrahi die Bombe in Malta in ein Flugzeug nach Frankfurt geschleust hatte. Der Sprengkörper wurde dann in die Pan-Am-Boeing umgeladen, die sich nach einer Zwischenlandung in London-Heathrow auf den Weg nach New York machte. In ihrer Entscheidung äußerte die Kommission Zweifel an der Aussage eines Zeugen, der dem libyschen Geheimdienstler zur fraglichen Zeit Anfang Dezember 1988 auf Malta Kleider verkauft haben will. Dem Mann, der Megrahi identifiziert hatte, sei vier Tage vor der Gegenüberstellung ein Illustriertenfoto des Beschuldigten gezeigt worden. Das untergrabe die Glaubwürdigkeit der Zeugenaussage.

Kritiker hatten immer wieder Zweifel am Urteil der schottischen Richter angemeldet und ihnen vorgeworfen, Gegenbeweise ignoriert zu haben. Einer Theorie zufolge wurde der Lockerbie-Anschlag im Auftrag des Iran von der radikalen Volksfront für die Befreiung Palästinas - Generalkommando verübt. Vier Monate vor Lockerbie hatte die US-Marine im Golf irrtümlich einen iranischen Airbus abgeschossen und dabei 290 Menschen getötet.

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