432 Kinder erkrankt
Milchpulver-Skandal erschüttert China

Ein neuer Skandal um gesundheitsschädliches Babymilchpulver erschüttert China. Nachdem ein Säugling gestorben ist und 432 an Nierensteinen erkrankt sind, hat die Regierung in Peking eine Untersuchung aller 175 Produzenten angeordnet.

dpa PEKING. Im Mittelpunkt der Enthüllungen steht die führende Herstellerfirma Sanlu, in deren Milchpulver die verbotene Chemikalie Melamin gefunden wurde, die den Protein-Gehalt erhöhen sollte. Alle Sanlu-Milchprodukte werden landesweit aus den Geschäften genommen. 700 Tonnen des verunreinigten Milchpulvers sind noch im Umlauf. Das Unternehmen musste die Produktion einstellen. Wie amtliche Medien am Sonntag berichteten, wurden 19 Verdächtige festgenommen und 78 Personen verhört. Die Behörden kündigten eine strenge Bestrafung der Verantwortlichen an.

Die Entdeckung wirft ein neues Schlaglicht auf die mangelnde Sicherheit in Chinas Nahrungsmittelindustrie, die seit Jahren von Korruption und Skandalen erschüttert wird. Die Vorfälle seien ein "Weckruf", wie wichtig die Qualitätsaufsicht sei, sagte Gao Qiang, Parteichef des Gesundheitsministeriums und Leiter des Krisenstabes. Bereits im Mai 2007 waren in China zwei Exporteure aufgeflogen, die mit Melamin verunreinigtes Weizengluten und Reisproteine für Tierfutter exportiert hatten, das in den USA für den Tod von Katzen und Hunden verantwortlich gemacht wurde. Es ist auch nicht der erste Skandal mit Babymilch: Vor vier Jahren kamen in der Provinz Anhui 13 Säuglinge ums Leben, weil ihr Milchpulver keinerlei Nährwert hatte.

Das betroffene Unternehmen Sanlu, das zu 43 Prozent im Besitz der neuseeländischen Fonterra-Gruppe ist, beliefert fast ein Fünftel des chinesischen Marktes. Fast jede zweite Mutter in China ernährt ihr Neugeborenes mit Milchpulver. "Die Sanlu Gruppe muss einen großen Teil der Verantwortung in diesem Fall tragen", sagte Ermittler Gao Qiang. "Gesetzlose Menschen" hätten die Chemikalie absichtlich in die Rohmilch getan, um den Proteingehalt zu erhöhen. Auch könne damit Milch aufgebessert werden, die mit Wasser verdünnt worden sei, berichteten die Behörden. In der Industrie wird die Chemikalie Melamin als Harz zur Beschichtung von Span-, Faser- und Schichtstoffplatten, aber auch als Bindemittel verwendet.

Mehr als 8 000 Tonnen verdächtiges Milchpulver sind bereits aus dem Verkehr gezogen worden. "Wir werden die Lehren aus diesen Vorfällen ziehen und die Schlupflöcher in der Nahrungsmittelaufsicht finden", sagte Gao Qiang. Wegen der Empörung der Eltern gewährt die Regierung den erkrankten Kindern kostenlose medizinische Behandlung. Die meisten sind zwischen fünf und elf Monate alt. Experten wiesen darauf hin, dass monate- oder jahrelange Beobachtung nötig sei, um andere Gesundheitsschäden ausfindig zu machen. Das Unternehmen soll bereits im März erste Beschwerden erhalten und dann selbst intern Probleme festgestellt haben, berichtete Gao Qiang. Allerdings habe Sanlu diese Informationen "über lange Zeit" den Behörden vorenthalten.

Seit Wochen kursierte im Internet der Verdacht, dass das Milchpulver hinter den Erkrankungen stehe. Die staatlich zensierten Medien durften das Thema aber wegen der Olympischen Spiele und der Paralympics nicht aufgreifen, da die Sicherheit der Lebensmittel in China ohnehin schon im Schussfeld der Kritik stand. Doch hatte noch am Monatsanfang ein "investigativer Bericht" des Staatsfernsehens Cctv das Unternehmen Sanlu für seine hohen Qualitätsstandards gepriesen, wie die Hongkonger Zeitung "South China Morning Post" hervorhob. Der Beitrag sei in der "Made in China"-Serie gelaufen, mit der Sorgen über qualitativ minderwertige Produkte zerstreut werden sollen. "Produktqualität bedeutet das Leben unserer Säuglinge", sagte Sanlu-Vizechef Wang Yuliang in dem Beitrag.

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