65 Verletzte bei der Stierhatz
Der Leichtsinn läuft in Pamplona mit

Beim vierten Stiertreiben des Jahres in Pamplona sind am Donnerstag 65 Menschen verletzt worden, drei von ihnen schwer. Drei Spanier wurden von den 600-Kilo-Kolossen auf die Hörner genommen und mussten wie neun andere Teilnehmer ins Krankenhaus, teilten die Rettungskräfte in der nordspanischen Stadt mit.

HB/dpa PAMPLONA/MADRID. Am schlimmsten traf es einen 27-Jährigen, der am Bauch aufgespießt wurde und notoperiert werden musste. Andere Läufer stürzten und zogen sich Prellungen oder Platzwunden zu.

Dass unter den Verletzten auch ein erst 14-jähriger Amerikaner war, zeigt, dass allzu oft auch Leichtsinn mit im Spiel ist. Die Teilnahme von Minderjährigen ist nämlich streng verboten. Da das Spektakel aber inzwischen zu einer Massenveranstaltung geworden ist, schafft es die Polizei nicht immer, Kinder oder auch Betrunkene auszusortieren. Mancher hat auch schon versucht, mit Rollschuhen und Videokamera in der Hand mitzumachen - auf dem rutschigen Kopfsteinpflaster der Altstadtgassen ein lebensgefährliches Spiel.

Der Junge aus Miami hatte noch Glück, denn er verrenkte sich nur das Knie, doch viele der Möchtegern-Toreros landen mit klaffenden Fleischwunden im Krankenhaus. Oftmals handelt es sich dabei um Touristen, die trotz aller Warnungen nach einer durchzechten Nacht auf die Strecke gehen und im Adrenalinrausch die Gefahr völlig unterschätzen. „Ignoranten sind das!“, ereifert sich Miguel Angel, ein waschechter „Pamplonica“, der schon seit seiner Jugend bei den „encierros“ (Stiertreiben) mitmacht. „Sie halten das Ganze für ein Spiel und bringen auch noch andere in Lebensgefahr.“

Denn eine der Lieblingsbeschäftigungen dieser „patas“ (Trottel) ist es, die Stiere am Schwanz zu packen oder gar zu versuchen, sie zu reiten. Dadurch lösen sich die Bullen von der Herde, drehen sich um und gehen auf die nachkommenden Läufer los. „Ich habe nicht gedacht, dass man sein Leben aufs Spiel setzt“, gesteht Nicholas, ein 29- jähriger Klempner aus Australien, dem einer der Stiere am Dienstag sein Horn 20 Zentimeter seitlich in den Oberkörper rammte und um ein Haar das Herz erwischt hätte. „Ich bin froh, am Leben zu sein. Nochmal werde ich bestimmt nicht mitlaufen“, versichert er.

Für die echten Läufer, die „mozos“ wie Miguel Angel, ist die durch Ernest Hemingways Roman „Fiesta“ (1926) weltberühmt gewordene Stierhatz nicht ein Spektakel, sondern eine Kunst. Das ganze Jahr bereiten sie sich darauf vor. Sie setzen allein auf ihr Geschick - und auf eine zusammengerollte Zeitung, als einzig erlaubtes Mittel, um die Bullen von sich fern zu halten. Wenn einer von ihnen doch stürzt, gilt die Devise: „Liegen bleiben, die Hände schützend über den Kopf legen und erst wieder aufstehen, wenn die Herde vorbeigezogen ist!“. Wer das nicht beherzigt, riskiert sein Leben - so wie die 13 Läufer, die seit 1924 getötet wurden. Das bislang letzte Todesopfer war 1995 zu beklagen: Ein 22-jähriger US-Tourist.

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