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Mein Handelsblatt (5)
Out of the Blue

Kurz vor neun steigt Torsten Riecke aus der Subway. Plötzlich kommen ihm schreiende Passanten entgegen. Er blickt hoch: Im Nordturm des World Trade Centers klafft ein  Loch. Es ist der 11. September 2001.

BerlinWenn Menschen hören, dass ich einen großen Teil meiner journalistischen Karriere als Handelsblatt-Korrespondent in New York verbracht habe, kommt oft die Frage: „Wo waren Sie denn am 11. September?“ Ich zögere kurz, die Zeitreise anzutreten, antworte aber meistens dann doch: „Ich stand genau davor, als die Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Centers rasten.“ Damit beginnt meine Geschichte, die für mich persönlich viel mehr ist als eine journalistische Story.

Der Dienstagmorgen ist ein typischer Septembertag für New York: eine leichte Kühle bei strahlend blauem Himmel. Ich mache mich von unserem Haus in Rye, in das wir erst wenige Monate zuvor aus Deutschland kommend eingezogen waren und das etwa 20 Meilen nördlich von Manhattan liegt, auf den Weg zum Marriott Hotel im World Trade Center (WTC) an der Südspitze Manhattans. Dort soll um 9 Uhr eine Konferenz amerikanischer Ökonomen beginnen, über deren Konjunkturaussichten will ich einen Bericht schreiben. Dass aus dem Konjunkturberichterstatter bald ein Kriegsreporter werden wird, ahne ich da noch nicht. Die berühmten Zwillingstürme liegen nur einen Steinwurf vom Handelsblatt-Büro im 14. Stock des Dow Jones Building direkt am Hudson River entfernt.

Als ich um kurz vor neun die abgetretenen Stufen aus der Subway-Station Fulton Street zurück ans Tageslicht steige, kommen mir plötzlich schreiende Passanten entgegen. Ich blicke nach oben, im Nordturm des World Trade Centers klafft ein schwarzes Loch, aus dem dunkler Rauch aufsteigt. „Ein Flugzeug ist in den Turm gerast“, schreit eine ältere Frau und stürzt die Treppe hinunter. Ich denke sofort an einen Unfall: Vermutlich ist ein Sportpilot vom Kurs abgekommen.

Aus dem immer noch blauen Himmel „regnet“ es Asche, Papier und Glassplitter vom 417 Meter hohen Nordturm. Ich laufe über die Church Street nach Süden in Richtung Liberty Street. Dort versperrt mir jedoch ein brennendes Auto vor einer Feuerwache den Weg in die New Yorker Redaktion, also suche ich Unterschlupf in einer Pizzeria. Es herrscht bereits helle Aufregung. An einem Holztisch sitzt eine weinende Frau, an ihrem Hals hängt ein Hausausweis mit der Aufschrift WTC. Jane ist ihr Name, sie stammt aus New York und war auf dem Weg zur Arbeit: „Ich habe so viele Kollegen da oben“, sagt sie mit schluchzender Stimme.

Ich mache mir Notizen über das, was vor meinen Augen geschieht – verwirrt, noch ohne konkrete Absicht, mehr wie ein Reflex. Kurz nach neun rast ein Passagierflugzeug mit dröhnendem Lärm über unsere Köpfe hinweg direkt in den Südturm. Das Gebäude steht nur rund 20 Meter entfernt, die Erde bebt beim Einschlag und ein großer Feuerball steigt in den vom schwarzen Rauch vernebelten Himmel auf.

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