83 Tote in zwei Tagen
Chinesische Bergleute sind "Kanonenfutter"

Drei neue Grubenunglücke in nur zwei Tagen haben in China voraussichtlich 83 Kumpel das Leben gekostet. Nur einen Tag nach Explosionen in zwei Kohlebergwerken ereignete sich am Sonntagabend ein ähnliches Unglück in Nordchina, bei dem weitere 24 Bergarbeiter getötet wurden.

HB PEKING. Bei dem Unglück am Sonntagabend sei die Elektrizität ausgefallen, so dass die Belüftung nicht mehr funktioniert habe. Gas habe sich angesammelt und sei explodiert, hieß es am Montag. Die Explosion setzte die Serie von Unglücken im chinesischen Bergbau fort, der weit tödlicher ist als anderswo in der Welt. „Viele beklagen, dass es in China weit billiger ist, die Familie eines toten Bergmanns zu entschädigen, als in Sicherheitsausrüstung zu investieren“, berichtete die „China Daily“.

Neben rückständiger Ausrüstung und Sicherheitsmängel verhindern Korruption und Vetternwirtschaft von Grubenbesitzern und Behörden eine wirksame Aufsicht. Chinas Wirtschaftsboom und der hohe Ölpreis haben die Nachfrage nach Kohle und den Preis steigen lassen, so dass die Profite nur so sprudeln. Von 2003 bis 2005 ist die Produktion von 1,4 auf 2,1 Mrd. Tonnen gestiegen. Viele Gruben arbeiten weit über ihrer zulässigen Kapazität - einige um das Zehnfache.

„Nur wenn wir das Problem lösen, dass Funktionäre einen Schutzschirm über Kohleunternehmen ausbreiten, können wir einen dauerhaften Weg finden, um Grubenunglücke zu verhindern“, sagte Wang Shuhe, Vizedirektor der staatlichen Grubensicherheit. Viele Funktionäre kassieren direkt von der Grube ab, andere sind sogar beteiligt. Mehr als 5000 Beamte enthüllten auf Anweisung Pekings ihre Anteile, die sich auf 755 Mill. Yuan (75 Mill. Euro) summierten. Wenn so viel schon freiwillig offen gelegt wird, lässt sich nur ahnen, um wie viel Geld es hinter den Kulissen geht.

Behördlichen Protektion genoss die Changyuan-Grube in Yunnan, wo am Samstag 32 Kumpel durch eine Explosion ums Leben kamen. Im Januar war das Bergwerk aus Sicherheitsgründen geschlossen worden, doch produzierte es mit Hilfe der Stadt weiter.

„Selbst wenn ein Kohleboss 100 Yuan (10 Euro) pro Tonne verdient, muss er davon 40 Yuan (4 Euro) an lokale Funktionäre zahlen, die über das Schicksal seiner Grube entscheiden“, verriet der Besitzer einer kleinen Grube in der größten Kohleprovinz Shanxi der „China Daily“. Der Kohleboom hat auch die Bergwerksbesitzer reich gemacht. In der Provinzhauptstadt Taiyuan fahren Luxusautos wie Mercedes oder Ferrari. Der Boss einer großen Grube soll im Jahr bis zu 100 Mill. Yuan (10 Mill. Euro) verdienen können.

Die Gruben dicht zu machen, löst die Sicherheitsprobleme aber nicht. Die in Hongkong ansässige Organisation China Labour Bulletin, die sich um Arbeiterinteressen in China kümmert, sieht einen „Teufelskreis“: Die Schließung ließe andere Bergwerke nur noch weiter über ihrer Kapazität fördern, was neue Unglücke auslöse. „Nötig ist vielmehr eine wirksame Arbeiterorganisation wie Komitees für Gesundheit und Sicherheit oder aktive Gewerkschaften, um von innen heraus die „Belagerungsmentalität“ aufzubrechen, die Funktionäre und Grubenbesitzer zum Schutz ihrer Interessen aufgebaut haben."

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