Ägypten
Raus aus der Stadt, rein in die Wüste

Reiche Ägypter folgen einem neuen Trend: Wer es sich leisten kann, zieht in die Wüste, in luxuriöse Villenviertel vor den Toren Kairos. Da sind sie weit weg von Schmutz und Armut der Stadt – und von den Islamisten. Eine Handelsblatt-Reportage.

KAIRO. Irgendwann hatte Shirin Mishriki genug. Genug vom Lärm und vom Dreck, von der ewigen Parkplatzsuche, von zu viel Menschen auf zu engem Raum. Also zog die 45-jährige Wirtschaftsberaterin mit ihrem Mann und den zwei Söhnen raus aus der Stadt, rein in die Wüste. „Als wir vor zehn Jahren hier einzogen, hielten uns Freunde und Verwandte für verrückt“, erinnert sie sich. Hier, das ist Katameya-Heights, eine Wüstensiedlung 15 Kilometer südöstlich von Kairo. Die Mishrikis bezogen das erste Haus im Villenviertel und waren Vorreiter. Seitdem haben sich die Preise für Land und Villen in Katameya verfünf- bis verzehnfacht.

Denn inzwischen ist der Exodus der Reichen aus Kairo Trend. Wer es sich leisten kann, zieht in die Wüste. Denn Kairo ist zum Moloch geworden, die Bevölkerungszahl hat sich in den letzten 50 Jahren versechsfacht, 15 Millionen Menschen drängen sich jetzt auf einer Fläche, die nur wenig größer ist als München. Wer kann, flieht vor Luftverschmutzung, Überbevölkerung und mangelnder Stadtplanung.

In Katameya dagegen reihen sich hinter hohen Mauern mit bewachten Zufahrten Villen aus hellem Stein aneinander – mal im Stil der französischen Provence, mal in eher arabischer Bauart mit wuchtigen Säulen und herrschaftlichen Autoauffahrten. – Ein Besuch in der Oase des Luxus.

Begonnen hatte alles mit einem Golfplatz, dessen Grün sich endlos hinter dem Garten der Mishrikis erstreckt und um den sich alle 330 Villen in Katameya gruppieren. Geplant hatten ihn die Brüder Tarek und Khaled Abu Talib auf dem Gelände, das einst Müllkippe und Ödland war und später den Erdbebenopfern von 1992 als Zuflucht diente. Khaled wollte dort damals den ersten Profi-Golfplatz Ägyptens bauen, doch das war sehr teuer, also kamen die Brüder auf die Idee, das Projekt mit Wohnimmobilien zu kombinieren. „Das Leben in Kairo wurde immer anstrengender, aber die Reichen hatten keine Ausweichmöglichkeiten“, sagt Tarek.

Traditionell wohnen die wohlhabenden Kairoer am Nil in Stadtteilen wie Zamalek auf der Gezirah-Insel oder in Heliopolis, dem historischen Viertel im Osten der ägyptischen Metropole. Zwar sind hier die Straßen und Plätze immer noch breiter als im islamischen Teil der Stadt, doch die Flüchtlinge vom Land, die vor allem die Elendsviertel und Grabhäuser der Friedhöfe bewohnen, machen auch vor den schicken Straßen Kairos nicht halt. Zuwanderer bewohnen die Hinterhöfe oder campieren auf den Dächern jener Häuser, in denen sich der Hauswart mit seinen acht Kindern ein Zimmer teilt und oben auf dem Dach schon mal einen Hammel schlachtet. Jedes Jahr wächst Kairos Bevölkerung um eine halbe Million Menschen. Täglich pendeln drei Millionen Autos in die Stadt, die Luftverschmutzung zählt zu den höchsten der Welt. Die Parkplatzsuche gerät zum Alptraum, die Straßen ähneln einer Kloake, weil viele den Müll einfach aus dem Fenster werfen.

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