Alkohol am Steuer
Gericht weist Deal im Ullrich-Verfahren zurück

Jan Ullrich beteuerte seine Reue. Und alles sah danach aus, als käme er mit nach seinem Schweizer Alkoholfahrt mit Bewährung davon. Doch nun droht ihm wieder eine Gefängnisstrafe.
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WeinfeldenMehr als ein Jahr nach seinem schweren Verkehrsunfall unter Alkoholeinfluss in der Schweiz hat sich der Ex-Radprofi Jan Ullrich am Dienstag vor dem zuständigen Bezirksgericht des Kantons Thurgau schuldig bekannt. Zugleich erklärte der bislang einzige deutsche Gesamtsieger der Tour de France, er akzeptiere die von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafe.

Das Gericht in Weinfelden wollte noch am selben Tag eine Entscheidung treffen. Sowohl die Staatsanwaltschaft, als auch die Verteidigung machten geltend, dass Ullrich nach dem Unfall glaubhaft Reue gezeigt und die Ermittlungen unterstützt habe. Ein zur Bewährung ausgesetzte Haftstrafe sei auch angemessen, da der verheiratete Vater zweier kleiner Kinder sonst „aus seinem familiären Umfeld herausgerissen“ werden würde, erklärte Ullrichs Anwalt.

Der Ex-Radprofi sprach bei der Verhandlung von einem „Riesenfehler, den ich zutiefst bereue und für den ich mich schäme“. Er werde niemals wieder unter Alkohol am Steuer sitzen. Laut Anklage war Ullrich am 19. Mai 2014 mit einer Blutalkoholkonzentration von 1,8 Gewichtspromille an einer Kreuzung in Mattwill südlich des Bodensees auf zwei andere Autos aufgefahren. Er habe sich der Kreuzung mit 139 Stundenkilometern genähert. Erlaubt war auf der Straße Tempo 80. Verletzt wurde bei dem Unfall niemand. Der Sachschaden wurde von der Anklage auf 69 500 Franken beziffert (66 260 Euro).

Doch nun wirft der Präsident des Bezirksgerichts in Weinfelden (Kanton Thurgau), Pascal Schmid, der Staatsanwaltschaft erhebliche Nachlässigkeit vor. So seien Gutachten, wonach Ullrich bei dem Unfall am 19. Mai 2014 „nur“ 139 Stundenkilometer - bei erlaubtem Tempo 80 - fuhr, nicht glaubwürdig.

Andere Gutachten würden von 143 km/h ausgehen. Sie seien jedoch von der Staatsanwaltschaft nicht ausreichend gewürdigt worden. Der Unterschied sei erheblich, sagte Schmid: Bei 143 Stundenkilometern sei Ullrich nämlich laut Schweizer Verkehrsrecht als „Raser“ einzustufen und zwingend zu mindestens einem Jahr Gefängnis zu verurteilen. Hinzu komme die Fahruntüchtigkeit, die das Strafmaß noch weiter erhöhen könne.

Zuvor hatten sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf einen Strafmaßantrag von 18 Monaten geeinigt, die jedoch für vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden sollten. Außerdem war eine Geldbuße von umgerechnet 9600 Euro vorgeschlagen worden.

Gerichtspräsident Schmid rügte auch scharf, dass die Staatsanwaltschaft eine bei Ullrich nach dem Unfall festgestellte Einnahme des Beruhigungsmittels Valium in Kombination mit dem Alkohol überhaupt nicht ausreichend berücksichtigt, sondern in der Anklageschrift verschwiegen habe.

Die Staatsanwaltschaft muss nun die Ermittlungen neu aufrollen und alle möglicherweise straferschwerenden Umständen neu gewichten. Dass Ullrich tiefe Reue gezeigt habe, sei zwar anzuerkennen, erklärte der Richter. Doch er machte zugleich klar, dass dies nicht dazu verleiten dürfe, Ullrich anders zu behandeln als andere Angeklagte in ähnlichen Fällen.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Jan Ullrich verursacht hochachtungsvoll einen schweren Unfall.
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    Er soll mit 1,8 Promille mit Tempo 139 - andere Gutachter sprechen von 143km/h - 2 Autos gerammt haben.
    Dafür soll er für für 18 Monate ins Gefängnis.

    Staatsanwaltschaft und Verteidigung wollten einen Deal und die Strafe auf Bewährung aussetzten.

    Ein zur Bewährung ausgesetzte Haftstrafe sei auch angemessen, da der verheiratete Vater zweier kleiner Kinder sonst „aus seinem familiären Umfeld herausgerissen“ werden würde, erklärte Ullrichs Anwalt.

    Das ist schon eine merkwürdige Begründung!

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