„Alle Leichen werden würdig beerdigt“
Frankreich vergisst seine Alten

Der tragische Sommer machte den Franzosen deutlich: In ihrer modernen Leistungsgesellschaft leben alte Menschen oft völlig isoliert. In Paris wird inzwischen von 400 vergessenen Leichen gesprochen, Marseille meldet 50 Fälle.

HB/dpa PARIS. Die tödliche Hitzewelle in Frankreich hat das Drama vieler alter Menschen ans Licht gebracht. Nach der Kritik an der Tatenlosigkeit der Regierung entdecken die Franzosen jetzt ihr eigenes Gewissen und stoßen auf Abgründe. Alte Menschen sterben einsam und verlassen. In manchen Fällen sind die Kinder nicht bereit, die Beerdigungskosten zu übernehmen. „Es ist, als ob die Alten zwei Mal sterben würden - erst durch die Hitze, dann durch die Gleichgültigkeit“, schreibt die Zeitung „Le Parisien“.

„Die Familienangehörigen melden sich aus Scham nicht, weil sie sich seit Jahren nicht mehr um ihre Ältesten gekümmert haben“, sagt Christian Raffault, Leiter einer Pariser Niederlassung des größten französischen Beerdigungsinstitutes „Pompes funèbres générales“.

Er fügt einen zweiten Grund an, warum die Familien nicht einmal zur Beerdigung kommen: „Viele wollen einfach die hohen Kosten von durchschnittlich 2 200 Euro nicht übernehmen.“ In diesem Fall werde eine ganz schlichte Beerdigung ohne Trauerfeier auf einem Armenfriedhof vorgenommen. Die Kosten von 450 Euro trage der Steuerzahler.

Zum 1. September werden die provisorische Leichenhalle in der Markthalle des Pariser Vorortes Rungis geschlossen und die im Industriegebiet von Ivry abgestellten Kühllastwagen abtransportiert. „Alle Leichen werden würdig beerdigt“, verspricht ein Sprecher der Sozialdienste in Paris - auch wenn sich die Angehörigen bis dahin nicht melden.

Die Situation in den Leichenhallen rund um die Hauptstadt ist derzeit chaotisch. Das musste eine Familie im Vorort Vicennes diese Woche schmerzhaft erfahren. Die Trauergemeinde fand sich zur Beerdigung der 76-jährigen Marie-Eugénie ein, die am 12. August in einem Pflegeheim gestorben war. In der Kirche fiel ihnen auf: Sie trauerten um die falsche Leiche. Die richtige konnte auf die Schnelle nicht gefunden werden, die Beerdigung musste verschoben werden.

In Frankreich lebt jeder dritte über 80-Jährige in einem Heim. Heute sind 1,2 Millionen der 60 Millionen Franzosen älter als 85, nach Expertenmeinung sollen es 2010 doppelt so viele sein.

„In Deutschland und der Schweiz haben die Pflegeheime drei bis vier Mal so viel Personal pro Patient wie wir“, kritisiert Pascal Champvert, Präsident der Vereinigung privater Altenheimbetreiber Adehpa. Seiner Meinung nach ist das der Grund für die vielen Hitzetoten in den Krankenhäusern und Altenheimen im August. „In Frankreich ist es nicht gut, alt oder behindert zu sein“, sagte er der Zeitung „Le Parisien“.

Nach einer Schätzung der unabhängigen sozialen Organisation ODAS ist in Frankreich jeder fünfte über 75-Jährige komplett isoliert. Einige lägen seit Jahren im Clinch mit der Familie, andere hätten keine Angehörigen mehr. Doch die meisten Senioren gelten einfach als Last, meint der Humanistikprofessor Albert Jacquard: „In unserer Gesellschaft stören Alte nur. Sie fallen zur Last, verdienen nichts und sind unrentabel.“

Diese Anschauung sei vor allem in den Großstädten und insbesondere in Paris ein Problem, meint der Soziologe Jerome Pelissier. Auf dem Land sei in den Häusern einfach mehr Platz für alte Menschen.

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