Anklageschrift wird verlesen
Dutroux-Prozess: Mutter bricht in Tränen aus

Im Schwurgerichtssaal in Arlon hat am Dienstag Staatsanwalt Michel Bourlet begonnen die 56 Seiten umfassende Anklageschrift zu verlesen. Auf die Schilderung der Entführung ihrer Kinder reagierten Angehörige der getöteten Mädchen betroffen. Die Mutter von Eefje Lambrecks brach in Tränen aus. Ihre Tochter war im Sommer 1996 in einem Garten von Dutroux vergraben gefunden worden. Sie war verhungert und verdurstet.

HB ARLON. Nach Verlesung der Anklage können sich die Verteidiger Dutroux' und der drei Mitangeklagten zu Wort melden. Dutroux' Anwalt Xavier Magnée betonte bereits im Vorfeld seine Überzeugung, dass sein Mandant kein Einzeltäter sei. „In unserem Land ist die Rede von einem Netzwerk, das in den Händen hochgestellter Persönlichkeiten ist“, sagte Magnée dem belgischen Fernsehsender RTBF. „Darin treten Mittelsmänner auf. Sie bekommen Unterstützung von Entführern - Jägern - und vielen anderen Mittelsmännern, die junge Opfer suchen.“ Auch der Angeklagte selbst hatte die Netzwerk-Theorie in einem Brief an den flämischen Fernsehsender VTM geschürt. Darin bezeichnete Dutroux den Mitangeklagten Michel Nihoul als „ein Scharnier“, nannte aber keine weiteren Namen möglicher Hintermänner.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 47-jährigen Dutroux vor, 1995 die Mädchen Julie, Melissa, An und Eefje entführt, vergewaltigt und ermordet zu haben. Ihre Leichen wurden auf Grundstücken nahe Charleroi ausgegraben. Die ebenfalls entführten und vergewaltigten Mädchen Sabine und Laetitia befreite die Polizei 1996 nach monatelanger Gefangenschaft aus einem Kellerverlies in Dutroux' Haus. Mitangeklagt sind Dutroux' Exfrau Michelle Martin, sein mutmaßlicher Komplize Michel Lelievre sowie der Brüsseler Geschäftsmann Michel Nihoult. Dutrouxs Anwälte planen, ihren Mandanten als Teil eines größeren Pädophilenrings darzustellen. In einer von belgischen Medien zitierten Erklärung gab Dutroux Verschwörungstheorien neue Nahrung und bezeichnete sich selbst als nur ein kleines Rad im Getriebe einer Kinderschändermafia. Der Angeklagte wird voraussichtlich erst am Mittwoch aussagen und sich in einigen Punkten der Anklage schuldig erklären. Ihm droht eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Die Kindesentführungen und der anschließende Justizskandal hatten Mitte der 90er Jahre ganz Belgien schockiert, Massendemonstrationen gegen die Justiz ausgelöst, zu Ministerrücktritten geführt und 1999 schließlich zur Abwahl der Regierung beigetragen.

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