Anne Frank
Späte Ehrung auf Long Island

In den USA ist sie mindestens ebenso bekannt wie in Deutschland. Nun soll Anne Frank dort Ehrenbürgerin werden. Bereits vor drei Jahren hatte der amerikanische Lokalpolitiker Christopher Bodkin seine Kampagne zu Gunsten der Ehrenbürgerschaft gestartet, stieß aber auf Gegenwind. Jetzt wagt er einen zweiten Anlauf.

NEW YORK. Sayville ist normalerweise kein Ort, von dem aus die Welt verändert wird. Ein Provinzstädtchen auf Long Island, 100 Kilometer östlich von Manhattan. Holzhäuser in Hellgrau, Blassgelb, Zartblau. Spitze Giebel, zierliche Veranden, ordentliche Vorgärten. Rund 16 700 Einwohner. Im Sommer ein Refugium für New Yorker, die an der Atlantikküste der Großstadthitze entfliehen und „Seafood“ essen möchten. Unter Kennern trägt Sayville den Beinamen „Hauptstadt der Austern“.

Es gibt auch eine jüdische Gemeinde in Sayville. Ihr gehören etwa 60 Familien an. Seit dem Tod des früheren Gemeindevorstands werden sie von einem Rabbiner aus dem fernen Brooklyn mitbetreut. Eine Hochburg jüdischen Lebens ist Sayville gewiss nicht.

Trotzdem wurde ausgerechnet in Sayville die Idee geboren, Anne Frank posthum die Ehrenbürgerwürde der Vereinigten Staaten zu verleihen. Das liegt an Christopher Bodkin. Er sitzt für die Republikaner im Stadtrat und ist Anglikaner. Als Junge hat er das Tagebuch der Anne Frank gelesen. Das Mädchen, dessen Familie sich während der Judenverfolgung der Nationalsozialisten zwei Jahre in einem Hinterhaus in Amsterdam versteckte, ist in den USA mindestens ebenso bekannt wie in Deutschland. Ihr Tagebuch gehört in vielen Schulen zur Pflichtlektüre. Museen und Gedenkstätten erinnern an ihr Schicksal: Das Versteck der Familie wurde 1944 verraten. Anne Frank starb im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Bereits vor drei Jahren, anlässlich des 75. Geburtstags von Anne Frank, hatte Bodkin seine Kampagne zu Gunsten der Ehrenbürgerschaft gestartet, stieß aber auf Gegenwind. Jetzt wagt er einen zweiten Anlauf.

„Ihr Schicksal ist so anrührend, keiner kann sich dem entziehen“, sagt Christopher Bodkin. Zumal im Februar in den USA bislang unbekannte Dokumente veröffentlicht wurden, darunter Briefe von Vater Otto Frank, in denen er flehentlich um Asyl für seine Familie in den Vereinigten Staaten bittet. Die US-Behörden stellten sich damals stur.

Als Christopher Bodkin davon in der Zeitung las, wusste er, dass jetzt wirklich die Zeit für seine Initiative gekommen war. „Amerika hat Schuld auf sich geladen und sollte die Verantwortung dafür übernehmen. Die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Anne Frank wäre dafür ein Zeichen.“

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