Antisemitismus-Vorwürfe
Grass fühlt sich von Kritikern missverstanden

Es werde eine Kampagne gegen ihn geführt, sagte Grass nach der heftigen Kritik von Journalisten auf sein Israel-Gedicht. Kritiker hatten das Gedicht in Zusammenhang mit Grass Vergangenheit bei der Waffen-SS gebracht.
  • 22

Literaturnobelpreisträger Günter Grass fühlt sich mit seinem Israel-Gedicht von den Kritikern missverstanden und sieht eine Kampagne gegen sich. „Der Tenor durchgehend ist, sich bloß nicht auf den Inhalt des Gedichtes einlassen, sondern eine Kampagne gegen mich zu führen und zu behaupten, mein Ruf sei für alle Zeit geschädigt“, sagte Grass in einem Interview des Norddeutschen Rundfunks (NDR) am Donnerstag.

Grass hatte am Mittwoch den Text „Was gesagt werden muss“ als Gedicht veröffentlicht. Darin heißt es: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Dies hatte eine Welle der Empörung gegen den 84-jährigen Autor ausgelöst. Grass sagte dazu nach NDR-Angaben: „Es werden alte Klischees bemüht. Und es ist zum Teil ja auch verletzend. Es wird sofort, was ja auch zu vermuten war, mit dem Begriff Antisemitismus gearbeitet.“ Weiter sagte der Schriftsteller: „Es ist mir aufgefallen, dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht und eine Weigerung, auf den Inhalt, die Fragestellungen, die ich hier anführe, überhaupt einzugehen.“

Günter Grass ist derweil in Israel vielleicht das Schlimmste passiert, was einem Dichter zustoßen kann: Kaum jemand interessiert sich für sein Gedicht „Was gesagt werden muss“. Die meisten Reaktionen seien eher achselzuckend nach der Art des jiddischen Ausdrucks: „Hot er gesogt“, was so viel bedeute wie ein augenzwinkerndes „Na wenn schon“, sagte der israelische Historiker und Deutschlandkenner Tom Segev der Nachrichtenagentur dpa. Grass sei in Israel einfach keine „bedeutende moralische Institution“.
Der Rest ist Schweigen: Keine Reaktion der Regierung, die Medien berichten - wenn überhaupt - überwiegend nachrichtlich und die Menschen auf der Straße sind mit ganz anderen Dingen beschäftigt.

„Israelis regen sich nicht so sehr darüber auf wie die Deutschen“, berichtet auch Ziv Lewis vom Verlagshaus Kinneret in Tel Aviv. Dort sind alle Schriften von Grass veröffentlicht worden. „Wir stehen zu ihm als Schriftsteller. Zu seinem Gedicht äußern wir uns aber nicht“, fügte Lewis hinzu. Der mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete israelische Schriftsteller David Grossman wollte sich an der Diskussion nicht beteiligen. Er habe noch keine englische Fassung des Gedichts zu sehen bekommen, begründete Grossmann.

Kommentare zu " Antisemitismus-Vorwürfe: Grass fühlt sich von Kritikern missverstanden"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @sein_fein

    Ihre Nick-Identität erinnert mich an etwas jüngstens, auch nicht ganz "fein".

    Auszug:
    "New York - Für die einen ist er ein genialer Banker, für die anderen der Inbegriff des gewissenlosen Finanzhais: Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein lässt weder seine Anhänger noch seine Gegner kalt.

    Bisher war der Boss der US-Investmentbank fast unantastbar. Doch nun können seine Kritiker einen Mini-Erfolg verbuchen. Denn der mächtige Banker bekommt eine Art Aufpasser.

    Blankfein gehört zu den mächtigsten, aber auch umstrittensten Bankern der Wall Street. Ende 2009 sorgte der Goldman-Chef für Entrüstung, als er mitten in der Finanzkrise Gehälter und Macht der Investmentbanker mit dem Satz verteidigte, sie täten "Gottes Werk".

    Zuletzt war Goldman Sachs in die Schlagzeilen geraten, weil ein früherer Mitarbeiter der Bank in einem öffentlichen Brandbrief vorwarf, sie habe ihre Kunden regelmäßig bewusst abgezockt.
    Das Institut ist nun offenbar darauf bedacht, nach außen hin einen guten Eindruck zu machen. So stieß die Großbank überhastet eine Beteiligung an einer Internetseite ab, die Prostitution und Menschenhandel fördern soll."
    "http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,825438,00.html

    Vielleicht sollte man der israel. Regierung auch einen "Aufpasser" zuordnen? Tut sie nicht auch nur "Gottes Werk" im Beharren im Anspruch auf ihr biblisches Land?

    Aber wer sollte das sein, wo die Israel. Regierung nicht einmal den Menschenrechtsrat der UN akzeptiert.??
    Geschweige denn, die Kontrolle seiner atomaren Bewaffnung...

    Ich weiß, meine Einlassung ist provokativ, aber die Sache mit "Gottes Werk", da könnte was dran sein im parallelen Vergleich.

  • @ Anonymer Benutzer: Mitbuerger

    Wir haben keine Möglichkeit? Doch, wir haben sie per Grundgesetz: wir äußern uns frei und behandeln auch gleich! Da spielt Israel keine Ausnahmerolle.
    Denn wenn wir schweigen, die Dinge so laufen lassen, in der Furcht, wir hätten Unannehmlichkeiten,dann haben wir nichts aus der Naziherrschaft gelernt und schlittern immer wieder in Situationen, die wir eigentlich nicht wollten.
    Wenn hier etwas nicht ins Bild paßt, dann ist es Graumann selbst und Israels Anektionspolitik im Westjordanland. Begründet wird dies, daß Gott dem "auserwählten" Volk in die Berge von Rammalah das Wort JEHOVA schrieb. Sind wir nicht auch auserwählt? Was sind wir, die anderen Völker, sonst. Sind wir nur die kleinen dummen Trottel unter der Vorherrschaft der Auserwählten?
    Vielleicht sind aber die Holländer das auserwählte Volk, das ohne Zwang auf seine "Kulturstätten" verzichtet und daraus Supermärkte macht.
    Nun,wir alle sind geneigt Irrtümern aufzusetzen und Grass war in der Waffen-SS, wie viele Juden sich zu Bütteln eben dieser SS machten, um zu überleben.
    Wenn wir weiter in der Vergangenheit wühlen, dann könnte der Iran in Anknüpfung an das Persische Reich seinen Herrschaftsanspruch über den ganzen Nahen Osten ausdehnen, folgend die Griechen, dann die Römer usw.
    Nein, Frieden findet auf dem Feld des Ausgleiches statt und Grass hat hier einen guten Anstoß gegeben.
    Die Bürger in Israel und dem Iran wollen den Frieden, großmäulige Politiker und Ignoranten halten dagegen.

  • @ btw
    Sie haben recht und ich bitte um Verzeihung. Ich hätte mich präziser ausdrücken sollen, denn ich meinte weniger die Form, sondern den Inhalt des Gedichtes, welches betrachtet werden sollte. So erspare ich mir auch, mich an Ihrer "Lorrhoe" zu ergötzen. Stattdessen ein sich reimendes Gedicht eines bekannten Künstlers:
    In Deutschland, der Kulturnation,
    schätzt man den Dichter immer schon
    -betrachtet man es mal genau -
    nicht höher ein, als eine Sau,
    die im Dreck nach Futter gräbt,
    verachtet wird, solang' sie lebt.
    ... usw.


    Herr Grass hat - ungeachtet seiner Person und künstlerischen Qualifikation und Ausdrucksweise - in der Sache recht.
    so_what ist nichts hinzuzufügen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%