Archäologie
Das Rätsel um den Mann aus dem Eis

Das „Institut für Mumien und den Iceman“ in Bozen will mit Halbwahrheiten und Legenden um die Eismumie Ötzi aufräumen. Vor allem die Frage, wie der „Mann aus dem Eis“ vor 5300 Jahren zu Tode kam, beschäftigt die Forscher um Albert Zink.

dpa ROM/BOZEN. Neues Rätselraten um den Gletschermann Ötzi. Aufsehenerregende Berichte hatten von Menschenblut am Steindolch und an dem Kupferbeil des Eismanns der italienischen Alpen gesprochen. Jetzt rückt der Ötzi-Fachmann Albert Zink vom Bozener „Institut für Mumien und den Iceman“ die vermeintliche Sensation zurecht: „Was da so medienwirksam der Welt mitgeteilt worden ist, wird von unseren Befunden bisher nicht bestätigt.“ Die Untersuchungen seines vor einem Jahr eröffneten Eismann-Instituts an Ötzis Waffen brachten nur geringe Spuren von Blut an einem Schaft ans Tageslicht, und die könnten von Tieren stammen. Also doch kein Todeskampf mit vier anderen Jägern vor 5300 Jahren in den Alpen?

Archäologen der australischen Universität Brisbane hatten vor fünf Jahren mit der gruseligen Geschichte Schlagzeilen gemacht. Laut ihrer Gen-Analyse klebte an der Axt des Gletschermanns noch das Blut seiner Feinde. Auch am Köcher des Toten fänden sich Reste fremden Blutes. „Ötzi hatte ganz offensichtlich einen Kampf und wurde dann (von einem Pfeil) in den Rücken getroffen“, berichtete seinerzeit Archäologe Tom Loy. Auch Ötzis Wunden an den Händen deuteten auf Gewalt hin.

„Diese australischen Untersuchungen sind sehr umstritten und nie wissenschaftlich belegt worden“, hält Mumienforscher Zink dagegen. Tatsächlich habe Loy seine Behauptung niemals in einer wissenschaftlichen Publikation belegen können, ergänzte er in einem Interview mit dem Magazin „P.M. History“ (Augustausgabe). „Wir rollen das nun neu auf und berücksichtigen dabei auch, dass DNA-Analysen sehr schwierig sind, vor allem, weil Ötzis Ausrüstungsgegenstände doch durch sehr viele Hände gingen.“ Und „eine oberflächliche DNA- Analyse an Ötzi selbst wäre problematisch“.

Gerichtsmedizinische Tests unter anderem zum Hämoglobin-Nachweis haben nach Zinks Worten „Blut auf Ötzis Fellmantel festgestellt, wobei wir davon ausgehen, dass es sein eigenes ist.“ Das eigens zur Ötzi-Forschung gegründete Institut untersucht weiter die Wunden des Eismanns und seine Hämatome, will die Todesursache und Blutgruppe des Mannes aus dem Eis genau bestimmen und zum wichtigsten Schlüssel - der Kern-DNA - vorstoßen. „Dann sollten wir klarer sehen“, so Zink.

„Aufräumen mit allem, was an Halbwahrheiten so herumschwirrt“, das ist das Ziel des Institutsleiters. So wurde häufig spekuliert, dem alpinen Eismann sei es gesundheitlich schlecht gegangen. Doch die „Abnutzungserscheinungen an seinem Körper sind Merkmale eines aktiven Lebens in den Alpen“, berichtet Zink: „Sein körperlicher Zustand war gut, er war durchtrainiert für den Alltag der Berge.“ Die Annahme, die Tätowierungen an Ötzi glichen einer therapeutischen Akupunktur, ist laut Zink auch noch nicht bestätigt: „Sie könnten auch rituelle Hintergründe haben.“ So bleiben Fragen über Fragen. Zink will sie nun in eigenen neuen Labors zu klären versuchen. Sein Institut wird von der Europäischen Akademie Bozen (EURAC) getragen.

Immerhin ist der international nur „Iceman“ genannte Ötzi mit 5300 Jahren die älteste bekannte Gletschermumie der Welt. Hinterrücks von einem Pfeil erschossen, starb der alpine Jäger zu Beginn der Kupferzeit auf etwa 3210 Metern Höhe am Alpenübergang Tisenjoch, also unweit der heutigen italienisch-österreichischen Grenze. Erst 1991 gab ihn der Gletscher samt der Ausrüstung wieder frei. Das ermöglicht tiefe Einblicke in das Leben eines Menschen in der Jungsteinzeit. Sein „Objekt der Begierde“ hat Zink ganz in der Nähe: Ötzi liegt nur fünf Minuten zu Fuß vom Institut entfernt, in der 1998 für ihn konstruierten Kühlzelle des Archäologiemuseums.

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