Armutgefährdungsquote steigt in Deutschland
Zehn Millionen müssen auf grundlegende Dinge verzichten

Jeder Achte in Deutschland ist arm oder lebt an der Grenze zur Armut. Dabei sind wesentlich mehr Ostdeutsche von Geldnot und sozialer Ausgrenzung bedroht als Westdeutsche, dies ergab eine am Dienstag veröffentlichte Erhebung des Statistischen Bundesamts.

HB BERLIN. Eine kalte Wohnung mit feuchten Wänden, keine Arztbesuche und keine neue Waschmaschine, wenn die alte schlapp macht - in Deutschland sind 13 Prozent der bevölkerung arm oder von Armut bedroht. Im Jahr 2004 waren dem Statistischen Bundesamt zufolge 10,6 Mill. Menschen betroffen, darunter 1,7 Mill. Kinder unter 16 Jahren. Sie hatten pro Monat weniger als 856 Euro - von Urlaubreisen oder anderem Luxus können viele von ihnen nur träumen, sie können sich nicht einmal jeden zweiten Tag eine hochwertige Mahlzeit leisten. „Man wird sich darauf einstellen müssen, dass die Armut weiter zunimmt“, sagt der Armutsforscher Lutz Leisering von der Universität Bielefeld.

„Die Statistiker bestätigen eine Besorgnis erregende Zunahme der Armut in Deutschland“, sagt die Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Barbara Stolterfoht. „Leider hinkt die Statistik der Realität aber hinterher. Die Zahlen von 2004 berücksichtigen nicht, dass mit Hartz IV die Zahl armer Menschen noch gestiegen ist.“ Betroffen sind der Erhebung „Leben in Europa“ zufolge vor allem junge allein lebende Menschen, Alleinerziehende, Arbeitslose und Menschen ohne Schulabschluss oder Berufsausbildung. In den neuen Bundesländern ist die Armutsgefährdung mit 17 Prozent deutlich höher als in Westdeutschland mit zwölf Prozent. Hauptursache dafür ist laut Leisering vermutlich die höhere Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland.

Vor allem zwei Armutsrisiken

„Armutsrisiken sind vor allem Arbeitslosigkeit und fehlende Bildungsabschlüsse“, sagt auch der Vizepräsident des Statistischen Bundesamtes, Walter Radermacher. Mehr als 40 Prozent der Arbeitslosen und jeweils ein Viertel der Menschen ohne abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung seien von Armut bedroht, von den Erwerbstätigen dagegen nur fünf Prozent. Nach einer Studie der Friedrich-Ebert- Stiftung, die eine kontroverse Diskussion über Armut in Deutschland auslöste, leben acht Prozent der Menschen in unsicheren Arbeitsverhältnissen und einer prekären Lebenslage.

Arme und von Armut bedrohte Menschen müssen „Leben in Europa“ zufolge auf viele grundlegende Dinge verzichten: Mehr als ein Fünftel lebt in Wohnungen mit Baumängeln, jeder Siebte kann seine Wohnung im Winter nicht angemessen heizen und mehr als ein Viertel kann sich nicht einmal jeden zweiten Tag eine hochwertige Mahlzeit leisten. Außerdem ging jeder Fünfte der von Armut Bedrohten trotz gesundheitlicher Probleme nicht zum Arzt.

Ohne soziale Transferleistungen wie Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Wohngeld oder Kindergeld wäre der Untersuchung zufolge in Deutschland sogar fast ein Viertel (24 Prozent) der Bevölkerung armutsgefährdet. Es sei aber offenkundig, dass die Sozialleistungen nicht ausreichten, um Mill. Menschen wirksam vor Armut zu schützen, betont die sozialpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Katja Kipping. „Wir brauchen eine bedarfsorientierte und repressionsfreie Grundsicherung.“

„Die Sozialleistungen fangen die krasse Armut ab“, sagt Leisering. Doch nach der Rentenreform fielen immer mehr Menschen auf die Grundsicherung zurück und auch mit der Hartz-IV-Reform sei das Armutsrisiko gestiegen. „Es gibt Wege, der Armut zu begegnen, sie sollte nicht viel mehr wachsen“, sagt Leisering. Zur Vorbeugung müsse mehr in Bildung investiert werden. Zudem müsse der Staat zur Bekämpfung der bestehenden Armut Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Beispiele dafür seien Altersversicherungen wie die Riester-Rente oder die Unterstützung von Arbeitslosen bei ihrer Rückkehr auf den Arbeitsmarkt.

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