Attentat in Oslo
„Niemand schießt Norwegen zum Schweigen“

Die Anschläge sind unvergessen: Vor zwei Jahren erschoss Anders Behring Breivik wahllos 69 Jugendliche auf Utøya, in Oslo starben acht Personen. Langfristig hat die norwegische Gesellschaft wohl aber nicht hinzugelernt.
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OsloBeklemmung, Fassungslosigkeit und Schock. Nur wenige Ereignisse haben sich bei mir als Nordeuropa-Korrespondent so in der Erinnerung festgesetzt wie das, was an jenem Freitag im Juli 2011 in der norwegischen Hauptstadt Oslo und auf der rund 40 Kilometer entfernten Insel Utøya geschah. Sicher, die Ermordung von Schwedens Ministerpräsidenten Olof Palme und das tödliche Attentat auf die schwedische Außenministerin Anna Lindh gehören zu den Ereignissen im hohen Norden Europas, die ebenfalls so gar nicht in die Pippi Langstrumpf-Idylle passten.

Doch dieser Freitag im Juli vor zwei Jahren war anders. Auch, weil noch bis in den späten Abend hinein alle davon ausgegangen waren, dass die Wahnsinnstat des Anders Behring Breivik genau zwei Menschenleben gekostet hatte. Das böse Erwachen folgte am nächsten Morgen: In der Nacht war klar geworden, dass der Norweger nicht nur eine Autobombe im Osloer Regierungsviertel hatte detonieren lassen, sondern kurz darauf auf der Ferieninsel Utøya ein regelrechtes Massaker angerichtet hatte.

Hier, eine knappe Autostunde von Oslo entfernt, hatte Breivik offenbar wahllos Jagd auf die zumeist jugendlichen Teilnehmer eines Ferienlagers der norwegischen Sozialdemokraten gemacht. Grausames Fazit am Samstag morgen: 77 Tote, 69 auf Utøya, acht im Regierungsviertel.

Der Flug nach Oslo war schon am Vorabend gebucht. Zusammen mit einem Kollegen einer anderen großen deutschen Zeitung machten wir uns auf den Weg nach Utøya. Nicht einmal 20 Stunden, nachdem Anders Breivik das schlimmste Blutbad in Norwegens Nachkriegsgeschichte angerichtet hatte, erwartete uns eine unwirkliche Szenerie: Dort am Tyrifjord findet man im Juli ein wahres Ferienparadies, ein Campingplatz reiht sich an den nächsten, Wohnmobile aus Deutschland, den Niederlanden, ja selbst Italien vermitteln den Eindruck eines Sommerparadieses inmitten einer beeindruckenden Fjordlandschaft.

Rückblende: An diesem 23. Juli nähern sich jedoch plötzlich ein, zwei, drei, vier Leichenwagen auf der kleinen Uferstraße. Nach dem siebten schwarzen Wagen geben wir das Zählen auf. Das, was eben noch einer Ferienidylle glich, hat sich binnen Minuten zu einem Ort des Grauens verwandelt. Die Wagen halten an einer Stelle, von der aus es nur wenige Hundert Meter zu der kleinen Insel Utøya sind. Dort hatte Breivik seine Opfer ausgewählt, hatte sie gejagt und dann erschossen. Jetzt versperren bewaffnete Polizisten den Weg für Neugierige.
Erst nach und nach wird in diesen Tagen das ganze Ausmaß der brutalen und feigen Attentate deutlich. Auch für uns Journalisten, die mittlerweile zu Hunderten in die norwegische Hauptstadt geeilt sind. Oslo befindet sich im Ausnahmezustand. Bis unter die Zähne bewaffnete Soldaten riegeln die Zufahrtsstraßen zum Regierungsviertel ab.

Dort, wo noch an jenem Freitag bis um kurz vor halb vier geschäftiges Treiben herrschte, wo die großen Verlagshäuser des Landes und alle Ministerien ihren Sitz haben, herrschte zweieinhalb Tage nach den schrecklichen Anschlägen eine gespenstische Stimmung. Einlass gibt es nur für die Helfer, für Kriminalbeamte und für die örtlichen Glasereibetriebe.

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