Auch Chile beantragt Auslieferung
Bonner Staatsanwaltschaft will Schäfer aus Argentinien holen

Der Ex-Chef der berüchtigten Colonia Dignidad in Chile, Paul Schäfer, der in Argentienien verhaftet wurde, soll nach Deutschland ausgeliefert werden. Einen solchen Antrag will die Bonner Staatsanwaltschaft stellen. Zurzeit werde die Auslieferung des 84-Jährigen geprüft, „mit dem Ziel diese zu beantragen“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Fred Apostel, am Freitag in Bonn.

HB BERLIN. Es werde dabei auch geguckt, ob der bereits 1997 gegen Schäfer erlassene Haftbefehl erweitert werden müsse. Dazu sei die Prüfung eines riesen Bergs Akten notwendig. Nach internationalen Bestimmungen müsse das Auslieferungsbegehren 30 Tage nach der Verhaftung eingereicht werden. Der Oberstaatsanwalt rechnet jedoch in etwa 14 Tagen mit einer Entscheidung seiner Behörde. Die Bundesregierung begrüßte die Verhaftung des Colonia Dignidad-Gründers.

„Mit der Festnahme Paul Schäfers wird eine umfassende Aufklärung und Ahndung aller krimineller Handlungen in der ehemaligen Colonia Dignidad möglich“, sagte Außenminister Joschka Fischer (Grüne) in Berlin.

Der seit 1997 untergetauchte Schäfer war am Freitag zusammen mit drei Begleitern rund 40 Kilometer von Buenos Aires entfernt in einem vornehmen Wohngebiet dank der Zusammenarbeit deutscher, chilenischer und argentinischer Strafverfolgungsbehörden festgenommen worden. Anfang der 60er-Jahre gründete er die Colonia Dignidad, eine sektenähnliche Gemeinschaft meist deutscher Staatsangehöriger, die weitgehend abgeschlossen von der Außenwelt lebte. Schäfer galt als einer der meistgesuchten Männer Chiles. Im Herbst vergangenen Jahres war er von einem chilenischen Gericht in Abwesenheit wegen sexuellen Missbrauchs von 26 Kindern verurteilt worden. Aus Deutschland war er geflohen, nachdem ihm auch dort sexueller Missbrauch vorgeworfen worden war. Der Bonner Haftbefehl von 1997 bezieht sich auf acht sexuelle Handlungen an einem zwölfjährigen Jungen.

Oberstaatsanwalt Apostel wollte sich nicht zu den Chancen eines Auslieferungsantrags äußern. Er verwies darauf, dass auch Chile Interesse an einer Auslieferung habe und auch in Frankreich ein Strafverfahren gegen den deutschen Sektenführer laufe. „Wie die Behörden in Argentinien entscheiden werden, ist nicht zu sagen“, sagte Apostel.

Der stellvertretende chilenische Innenminister, Jorge Correa, betonte: „Chile hofft, ihn sobald wie möglich hier vor Gericht stellen zu können.“ Falls Argentinien Schäfer nicht nicht als illegalen Immigranten abschieben werde, werde Chile die Auslieferung beantragen.

Das rund 140 Quadratkilometer große und streng abgeriegelte Gelände der Colonia Dignidad, das später in Villa Baviera umbenannt wurde, liegt rund vier Autostunden südlich der chilenischen Hauptstadt Santiago. Die Siedlung stand im Zentrum dutzender Verfahren unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs und Steuerhinterziehung. Außerdem ermittelte die Justiz wegen Verstoßes gegen die Menschenrechte, weil die Sekte mit der von 1973 bis 1990 herrschenden Militärjunta des Ex-Diktators Augusto Pinochet kollaboriert haben soll. Die Sekte soll auf ihrem Gelände die Folter politischer Gefangener ermöglicht haben.

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