Auch zwei Deutsche unter Verletzten
Polizei geht von Selbstmord-Attentaten aus

Die Serie koordinierter Bombenanschläge auf der indonesischen Ferieninsel Bali ist der Polizei zufolge von Selbstmord-Attentätern verübt worden. Unter den Verletzten sind auch zwei Deutsche.

HB BALI. Nach Krankenhausangaben wurden 26 Menschen getötet und mindestens 122 verletzt, als am Samstag innerhalb weniger Minuten drei Sprengsätze in vollbesetzten Restaurants in den Touristenhochburgen Jimbaran und Kuta detonierten. Auch zwei deutsche Urlauber seien leicht verletzt worden, teilte das Auswärtige Amt in Berlin mit. Hinweise auf deutsche Todesopfer gebe es aber nicht. Ob islamische Extremisten hinter der Anschlagsserie stecken, war zunächst unklar.

Zwei der Bomben waren am Samstagabend auf Bali unter den Besuchern von Fischrestaurants am Strand von Jimbaran hochgegangen, die dritte in einem Steak-Restaurant in Kuta Beach. Die Ermittler seien zu dem Schluss gekommen, dass es sich um Selbstmordattentate gehandelt habe, sagte der örtliche Polizeichef Made Mangku Pastika vor Journalisten. „Es gibt Hinweise darauf, dass der Sprengstoff am Körper befestigt war.“ Die Körper der mutmaßlichen Attentäter seien komplett zerfetzt, aber ihre abgetrennten Köpfe sichergestellt worden, fügte er hinzu. Eines der Gesichter sei sogar noch gut zu erkennen. Der Polizei zufolge hatte eine Familie am Unglücksort Kuta einen der mutmaßlichen Attentäter zufällig auf Video gefilmt. Der Mann war mit einem schwarzen Pullover und einer Jeans bekleidet und trug etwas auf dem Rücken.

Abgetrennte Köpfe gefunden

Zuvor hatte schon Indonesiens Präsident Bambang Yudhoyono von mutmaßlichen Selbstmord-Attentätern gesprochen und die Anschläge als „terroristische Tat“ verurteilt. Der Chef der Antiterror-Abteilung im Ministerium für Sicherheit, Ansyaad Mbai, sagte der Nachrichtenagentur Reuters auf die Frage, ob es sich um Selbstmord-Attentate handele: „Hinweise führen auf diese Spur. Wir haben von Körpern abgetrennte Köpfe gefunden und alle am Ort der Explosionen.“

Sicherheitsexperten erklärten, die Anschläge trügen die Handschrift der Jemaah Islamiah. Die moslemische Extremistenorganisation gilt als Arm der Al-Kaida in Indonesien und wird auch für die Anschläge auf balinesische Nachtclubs vor fast genau drei Jahren verantwortlich gemacht. Damals waren 202 Menschen getötet worden, darunter auch Touristen aus Deutschland. Es gab in Indonesien aber auch Spekulationen, dass die Tat vom Samstag von anderen verübt worden sein könnte, um die wegen massiv gestiegener Treibstoffpreise ohnehin unter Druck stehende Regierung Yudhoyonos zu destabilisieren.

USA warnen vor weiteren Attentaten

Die Bluttat sorgte weltweit für Erschütterung. Die Regierungen der USA, Großbritanniens und Deutschlands verurteilten die Anschläge. UN-Generalsekretär Kofi Annan zeigte sich „bestürzt, dass Bali erneut Schauplatz einer terroristischen Gräueltat wurde“. Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach von einem „feigen und hinterhältigen Anschlag, der durch nichts zu rechtfertigen ist“. US-Außenministerin Condoleezza Rice sagte am Samstag in Washington, die USA stünden an der Seite des Volkes und der Regierung Indonesiens in Bemühen, die Verantwortlichen der terroristischen Taten vor Gericht zu bringen.

Der britische Premierminister Tony Blair bot Indonesien in einer persönlichen Botschaft an Präsident Yudhoyono seine Unterstützung an und bekundete sein Mitgefühl mit den Opfern. Die Organisation der Islamischen Konferenz in Dschidda verurteilte ebenfalls die Anschläge und sprach von einer „Sünde“. Diese „verbrecherischen“ Taten stünden im Gegensatz zur Lehre des Islam.

Die USA warnten ihre Bürger unterdessen vor weiteren Attentaten in dem asiatischen Land. Die Polizei versetzte am Sonntag die Sicherheitskräfte in der Hauptstadt Jakarta in höchste Alarmbereitschaft. Rund 18.000 Polizisten wurden abbestellt, um Botschaften und andere mögliche Anschlagsziele zu schützen.

Nach Angaben eines Krankenhauses auf Bali konnten bislang 16 Todesopfer identifiziert werden. Dabei handele es sich um zwölf Indonesier, darunter ein sechsjähriger Junge, drei Australier und einen Japaner. Die Polizei bestätigte bislang erst 22 Tote und sprach von fünf Ausländern unter den Todesopfern. Die Reisekonzerne TUI und Thomas Cook teilten unter Berufung auf ihre örtlichen Reiseleiter mit, keiner ihrer mehreren hundert Gäste in dem Gebiet sei unter den Opfern. Die beiden leicht verletzten Deutschen - ein Mann und eine Frau - hätten nur ambulant behandelt werden müssen, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes.

Auswärtiges Amt warnt ebenfalls

Das knapp 1000 Kilometer östlich von Jakarta gelegene Bali ist das von Ausländern meist besuchte Ferienziel des Landes. Die Anschläge kamen zu einer Zeit, als sich die wirtschaftlich vom Tourismus abhängige Insel gerade von den Folgen der Attentate von 2002 zu erholen schien. Der 33 Jahre alte Surflehrer Wayan Jipnag schilderte den Moment einer Explosion in Jimbaran: „Es gab eine Panik. Jeder versuchte zu entkommen. Ich sah Gliedmaßen, ich sah Köpfe auf dem Strand liegen. Es war ein Chaos.“

Das Auswärtige Amt warnte in einem aktualisierten Sicherheitshinweis für Indonesien, in dem asiatischen Land müsse weiterhin mit Anschlägen islamistischer Extremisten gerechnet werden. Als gefährdet gelten demnach Orte, die bevorzugt von Ausländern besucht oder mit dem westlichen Ausland identifiziert werden. Besonders genannt wurden auf der Internetseite des Ministeriums Hotels, Botschaften, Einkaufszentren und touristische Einrichtungen.

Dem deutschen Reisebüro- und -Veranstalterverband (DRV) zufolge bieten inzwischen alle führenden deutschen Reiseveranstalter für Urlaubsreisen nach Bali bis einschließlich Reisebeginn am 7. Oktober kostenlose Umbuchungsmöglichkeiten an.

Indonesischer Präsident macht Terroristen verantwortlich

Der indonesische Präsident Susilo Bambang Yudhoyono sagte am Sonntag, „Unsere Ermittlungen (zeigen), dass diese Angriffe von Terroristen ausgeführt wurden, von Selbstmordattentätern, sowohl in in Jimbaran als auch in Kuta.“ Es gebe eine Anzahl möglicher Verdächtiger, sagte der Präsident, nachdem er Krankenhäuser auf Bali besucht hatte, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt „sollte ich auf keine Gruppe hinweisen. Es gibt viele Möglichkeiten.“ Die Behörden würden alles tun, um die Verantwortlichen so schell wie möglich zu ergreifen und vor Gericht zu stellen.

Der für Anti-Terror-Maßnahmen zuständige indonesische Generalmajor Ansyaad Mbai sagte, die Tatausführung deute darauf hin, dass die Jemaah Islamiya hinter den Anschlägen stecke. Das Vorgehen weise Parallelen zu früheren Anschlägen der Gruppe, die Verbindungen zum El-Kaida-Netzwerk haben soll, auf. Nach bisherigem Kenntnisstand könnten drei Rucksackbomber die Anschläge verübt haben. An den Tatorten seien die Reste von Rucksäcken und Sprengstoffspuren gefunden worden. Die indonesische Polizei suche zwei Autos, mit denen angeblich der Sprengstoff transportiert wurde.

Jemaah Islamiya wird auch für Attentate 2002 verantwortlich gemacht

Die Jemaah Islamiya wird auch für die Bombenanschläge von 2002 verantwortlich gemacht. Nach Angaben von Generalmajor Mbai werden die beiden flüchtigen Malaysier Azahari Bin Husin und Noordin Mohamed Top als Drahtzieher der erneuten Anschläge verdächtigt. Sie stehen seit den Anschlägen 2002 ganz oben auf Indonesiens Fahndungsliste. Sidney Jones von der International Crisis Group sagte in Jakarta: „Die beiden Malaysier müssen wir auch dieses Mal ganz oben auf die Liste der Verdächtigen setzen.“

Islamistische Extremisten in Indonesien

Nach dem ersten Attentat von Bali mit 202 Toten im Oktober 2002 sind islamische Extremisten in Indonesien in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. In dem nach der Bevölkerungszahl größten moslemischen Land der Welt gibt es seit Jahren eine größere Zahl kleinerer radikal-islamischer Gruppen, die meist jedoch kaum organisiert agieren. Relativ bekannt ist etwa die Front zur Verteidigung des Islam (FPI), die Bars und Discotheken bekämpft. Einigen Organisationen werden Kontakte zur El Kaida, der Terrororganisation Osama bin Ladens, nachgesagt.

Jemaah Islamiyah (JI): Die Organisation gilt als Drahtzieher des Bali-Anschlags vom Oktober 2002 und soll auch einen Bombenanschlag auf das Marriott-Hotel in der Hauptstadt Jakarta verantworten, bei dem zwei Monate zuvor zwölf Menschen ums Leben kamen. Sie soll außer in Indonesien Zellen auf den Philippinen, in Malaysia oder Singapur unterhalten. Ihr Ziel ist die Errichtung eines pan-islamischen Staates in Südostasien. Als geistiges Oberhaupt der Gruppe gilt der islamische Gelehrte Abu Bakar Ba'asyir, der im Zusammenhang mit der Bluttat von Bali zu 30 Monaten Haft verurteilt wurde.

Über ihren logistischen Kopf, genannt Hambali, soll die JI mit El Kaida in Verbindung stehen. Hambali ging den Fahndern im August 2003 ins Netz. Mitglieder der JI sollen sich in Trainingscamps in Afghanistan aufgehalten und Geld von bin Ladens Organisation erhalten haben.

Laskar Dschihad: Die Organisation gilt als eine der militantesten islamistischen Gruppen Indonesiens. Sie wurde bislang vor allem durch ihren blutigen „Heiligen Krieg“ gegen die christliche Bevölkerung auf den indonesischen Molukken-Inseln bekannt und ist Verfechterin eines streng moslemischen Lebensstils. Ihr Anführer Jafar Umar Thalib sitzt seit Mai 2002 im Gefängnis. Der indonesische Geheimdienst sagte der Organisation Kontakte zu El Kaida nach. Die Laskar Dschihad soll für ihren Kampf auf den Molukken ausländische islamische Kämpfer rekrutiert haben.

202 Menschen starben beim Anschlag auf Bali im Oktober 2002

Bei dem Terroranschlag auf der indonesischen Ferieninsel Bali am 12. Oktober 2002 starben 202 Menschen - es war der schwerste Anschlag seit dem 11. September. Die meisten Opfer waren westliche Urlauber, darunter sechs Deutsche. Rund 300 Menschen wurden verletzt. Kurz vor Mitternacht waren die beiden gut besuchten Nachtclubs „Sari Club“ und „Paddy's Bar“ in dem Küstenort Kuta durch die Wucht der Explosion von ferngezündeten Bomben in Schutt und Asche gelegt worden.

Sehr schnell geriet die radikalislamische Organisation Jemaah Islamiya (JI) mit angeblichen Verbindungen zum Terrornetzwerk El Kaida in Verdacht. Im Zusammenhang mit dem Anschlag vom Oktober 2002 wurde insgesamt 24 Beteiligte verurteilt, fünf davon zu Todesstrafen. Ein Gericht in der Inselhauptstadt Denpasar verhängte im September 2003 die Todesstrafe gegen den Drahtzieher des Anschlags, Imam Samudra. Gegen weitere Komplizen wurden lange Haftstrafen verhängt.

Der als geistiger Führer der JI geltende Prediger Abu Bakar Ba'asyir wurde wegen Anstachelung zu der Bluttat zu 30 Monaten Haft verurteilt, von denen viereinhalb Monaten später erlassen wurden. Amerikanische Ermittler und thailändische Sicherheitskräfte nahmen im August 2003 den indonesischen Topterroristen Hambali fest, der als zentrale Figur des Anschlags gilt. Er soll Verbindungsmann zwischen El Kaida und der Jemaah Islamiya sein.

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