Auf Kaufkraft der Kinder gesetzt
US-Schulen brauchen kommerzielle Sponsoren

Amerikanischen Schulen fehlt das Geld, denn die Staatskassen sind leer. Aus der Not haben sie einen Pakt mit kommerziellen Sponsoren geschlossen. Schulkinder in Wurst- und Käsekostümen sind dabei keine Seltenheit mehr.

HB WASHINGTON. 10 000 Dollar hat es der Oakdale-Schule in der Nähe von Washington eingebracht, dass eine Grundschulklasse in Wurst- und Käsekostümen singend und tanzend die Vorzüge einer bestimmten Würstchenfirma anpriesen. Das Geld ist bitter nötig: die Schule braucht Instrumente für Musikunterricht. Doch die Staatskassen sind leer. Immer mehr Schulbezirke sehen sich zum Pakt mit kommerziellen Sponsoren gezwungen. Dass Firmen ihre Produkte immer öfter im Schulalltag platzieren können, alarmiert Erzieher und Eltern.

Wünsche der Kinder "schaffen"

Die Grundschule in Arnold (Bundesstaat Maryland) führt ihre Erstklässler für eine Bio-Stunde in die örtliche Zoohandlung. Das Management macht keinen Hehl daraus, dass es viele der Sechsjährigen in den folgenden Tagen mit ihren Eltern und dem Wunsch nach Hamstern, Hasen und Goldfischen zurück erwartet. Supermärkte legen Lehrstunden über gesundes Essen auf. Wenn ein Müsliproduzent die Veranstaltung sponsert, wird dessen Produkt als gutes Beispiel vorgeführt.

Die Farm Bureau-Versicherung in Indiana hat eine ganze Grundschule adoptiert. Sie zahlt der Minne Hartmann School Ausflüge und ermuntert ihre Mitarbeiter zu freiwilligen Einsätzen für die Schule. „Natürlich wollen wir, dass mehr Leute Farm Bureau-Versicherungen kaufen, wenn sie sehen, was wir für Schulen tun“, sagt Pressesprecherin Liz Reynolds.

Kaufkraft der Schüler ist erheblich

Marketingfachleute schätzen die Kaufkraft der Schüler auf mehr als 10 Milliarden Dollar im Jahr. An die künftigen Konsumenten so früh wie möglich ranzukommen, ist ein lukratives Geschäft. Der Schulbezirk von Denver (Bundesstaat Colorado) beschäftigt eigens eine Direktorin für Firmenaktivitäten - Christine Smith soll in den nächsten fünf Jahren 50 Millionen Dollar einbringen. Sie hat einen Vertrag mit einer Handy-Firma gemacht, deren Broschüren drei Mal im Jahr mit der offiziellen Schulpost verschickt werden. Der Bezirk erhält Prozente, wenn Schüler bei der Firma Verträge abschließen. Von jedem in den Schulautomaten verkauften Softdrink erhält die Schule 57 Prozent des Kaufpreises. „Was sollen wir tun? Die Situation ist schrecklich“, sagt Smith über die mangelnde Finanzierung des Schulsystems. „Jeder redet immer darüber, wie wichtig Bildung ist. Aber ohne Geld ist nicht viel zu machen.“

Bürgerinitiative gegen Kommerzialisierung des Schulsystems

Seit 1998 kämpft eine eigene Bürgerinitiative gegen die Kommerzialisierung des Schulsystems. „Schule ist für Kinder etwas, wo sie Wahrheiten lernen. Wenn dort kommerzielle Produkte angepriesen werden, lernen die Kinder nicht, sich ein unabhängiges Urteil zu bilden“, sagt der Direktor von „Commercial Alert“, Gary Ruskin. Eltern und Schulen sollten viel mehr Druck auf die Politiker machen, die Schulen finanziell ordentlich auszustatten.

Die Universität von Arizona untersucht die wachsende Kommerzialisierung des Schulbetriebs seit Jahren und ist alarmiert. „Werbung, mit anderen Worten: Propaganda hat im Schulwesen nichts zu suchen“, sagt Professor Alex Molnar. In manchen Städten protestieren Eltern gegen zu viel Werbung in der Schule. Smith vom Schulbezirk in Denver hat dafür wenig übrig. „Das sind meist Eltern aus wohlhabenden Gegenden, die die Schulen selbst finanziell unterstützen können. Bei uns kommt aber mehr als die Hälfte der Schüler aus armen Familien.“

Die US-Bundesregierung unterstützt die Schulen in diesem Jahr mit rund 50 Milliarden Dollar. Das Bundesgeld macht aber nach Angaben des Verbandes der Schuldirektorien (NSBA) nur sieben Prozent der Schulbudgets aus. Die Bundesstaaten stecken aber in der schlimmsten Finanzkrise seit dem 2. Weltkrieg. Die schwache Konjunktur und für US-Verhältnisse hohe Arbeitslosigkeit haben ihre Einnahmen drastisch gesenkt. Im Staat Washington wurde in manchen Schulen schon das Schuljahr gekürzt, um Geld zu sparen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%