Auftakt im Kinderschänder-Prozess: Dutroux steht nicht alleine vor Gericht

Auftakt im Kinderschänder-Prozess
Dutroux steht nicht alleine vor Gericht

Das belgische Städtchen Arlon rückt in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Auf der Anklagebank sitzt nicht nur der mutmaßliche Kinderschänder Marc Dutroux.

HB ARLON. Knapp acht Jahre nach Festnahme des Hauptangeklagten Marc Dutroux hat der Prozess unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen vor dem Schwurgericht in Arlon begonnen. Der 47-jährige Belgier sitzt im Gerichtssaal hinter Panzerglas. Während der Geschworenenwahl schlief Dutroux ein und wurde vom Vorsitzenden Richter Stéphane Goux zur Ordnung gerufen. Dutroux' Anwalt Xavier Magnée erklärte das Verhalten seines Mandanten: „Herr Dutroux schläft nachts sehr schlecht. Da ist es normal, dass er sich - wenn im Saal keine taktisch wichtigen Dinge passieren - ein wenig erholt".

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 47-jährigen Dutroux vor, 1995 die Mädchen Julie, Melissa, An und Eefje entführt, vergewaltigt und ermordet zu haben. Ihre Leichen wurden auf Grundstücken nahe Charleroi ausgegraben. Die ebenfalls entführten und vergewaltigten Mädchen Sabine und Laetitia befreite die Polizei 1996 nach monatelanger Gefangenschaft aus einem Kellerverlies in Dutroux' Haus. Mitangeklagt sind Dutroux' Exfrau Michelle Martin, sein mutmaßlicher Komplize Michel Lelievre sowie der Brüsseler Geschäftsmann Michel Nihoult. Dutrouxs Anwälte planen, ihren Mandanten als Teil eines größeren Pädophilenrings darzustellen. In einer von belgischen Medien zitierten Erklärung gab Dutroux Verschwörungstheorien neue Nahrung und bezeichnete sich selbst als nur ein kleines Rad im Getriebe einer Kinderschändermafia. Der Angeklagte wird voraussichtlich erst am Mittwoch aussagen und sich in einigen Punkten der Anklage schuldig erklären. Ihm droht eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Zum Gedenken an die getöteten Kinder haben in Arlon einige Läden Bilder der Mädchen in ihre Schaufenster gehängt. Zu dem spektakulärsten Prozess Belgiens werden 450 Zeugen erwartet. Der Prozess kann mehr als zwei Monate dauern. Die Überlebende Sabine Dardenne wird voraussichtlich als Zeugin auftreten. Ob auch Laetitia Delhez aussagen wird, ist noch unklar. „Es hängt davon ab, welche Beweise vorgelegt werden. Sie können sich vorstellen, wie traumatisch so etwas ist“, sagte ihr Anwalt Jan Fermon.

Die Kindesentführungen und der anschließende Justizskandal hatten Mitte der 90er Jahre ganz Belgien schockiert, Massendemonstrationen gegen die Justiz ausgelöst, zu Ministerrücktritten geführt und 1999 schließlich zur Abwahl der Regierung beigetragen. Es gilt allerdings als unwahrscheinlich, dass der Prozess die Frage klären wird, die die Belgier am meisten bewegt: Haben Dutroux und seine mutmaßlichen Komplizen allein gehandelt oder waren sie Teil eines größeren Pädophilen-Rings und standen möglicherweise unter dem Schutz höchster gesellschaftlicher Kreise? Der Zorn der Bürger konzentriert sich außerdem auf Ermittlungspannen von Polizei und Justiz, die immer wieder Vorwürfe von Vertuschung und Schlamperei nährten. Viele Belgier, unter ihnen auch die Eltern einiger Opfer, haben nach eigenen Worten schon vor Prozessbeginn das Vertrauen in das Gerichtsverfahren verloren. Sie sind enttäuscht, weil die Staatsanwaltschaft es ablehnte, sich in der Verhandlung mit der Theorie eines größeren Pädophilen-Rings zu befassen. Die Ermittlungen dazu laufen separat weiter.

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