Ausbau des Kanals
Oh, wie zankt sich Panama

Der Kanal zwischen Atlantik und Pazifik hat viele Bürger Panamas reich gemacht. Nun kämpfen die Benachteiligten gegen dessen Ausbau. Am kommenden Sonntag wird abgestimmt. Eine Handelsblatt-Reportage.

PANAMA. Wer Nelly Anteojos nach ihrer Meinung zum Panama-Kanal fragt, bekommt etwas zu hören: „Die Erweiterung kommt weder mir noch meinem Sohn, sondern nur den Reichen und Großen zugute“, hebt die untersetzte Frau an und redet sich in Rage. Nichts tue der Staat doch für sie und ihre Familie. „Was ich mir nicht im Schweiße meines Angesichts erarbeite, bekomme ich nicht.“

Im Zentrum von Colón, der Stadt am Karibiktor des Panama-Kanals, betreibt die 34-Jährige eine Suppenküche. Von den einst so malerischen Holzhäusern sind in Colón kaum mehr als Ruinen übrig. An fast jeder Straßenecke stehen Polizisten mit Gewehren. Nachts regieren Jugendbanden. Armut und Arbeitslosigkeit prägen die Stadt und ihre 220 000 Einwohner. Nelly bleiben am Ende des Tages fünf Dollar. „Davon kann ich meine Familie nicht ernähren. Darum stimme ich gegen die Kanalerweiterung.“

Nur wenige Straßen hinter ihrer Suppenküche beginnt eine andere Welt: die Freihandelszone. Hinter hohen Mauern werden in über 2 000 Geschäften Schuhe, Kleidung und Elektronik aus Asien zollfrei umgeschlagen – für vier Milliarden Dollar pro Jahr. Hier in der Freihandelszone, der zweitgrößten der Welt, sind natürlich fast alle für den Kanalausbau. „Er bringt mehr Umsatz und mehr Arbeitsplätze“, sagt Verkäuferin Claudia Vieira. Sie trägt eine kleine Anstecknadel an der Bluse: „Si al Canal“ – „Ja zum Kanal“. Sie wird am Sonntag mit Ja stimmen, wenn die drei Millionen Panamaer in einem Referendum über den Ausbau des Kanals entscheiden, der seit 1914 Atlantik und Pazifik miteinander verbindet.

Seit 92 Jahren schneidet der Kanal Panama in zwei Hälften. Nun spaltet er auch die Bürger. Präsident Martín Torrijos und die Kanalverwaltung „Autoridad del Canal de Panamá“ (ACP) wollen die nach dem Suez-Kanal zweitwichtigste künstliche Wasserstraße der Welt um ein größeres Schleusensystem erweitern, damit er wettbewerbsfähig bleibt. Die Kosten taxiert die ACP auf 5,25 Milliarden Dollar. Bauzeit: knapp zehn Jahre.

Aber nicht nur Köchin Nelly Anteojos ist gegen den Ausbau. Kirchenleute, Umweltschützer, Bauernorganisationen und sogar ein Ex-Chef der Kanalverwaltung denken wie sie. Die Kosten seien viel zu niedrig angesetzt, die Zahl der neuen Jobs viel zu hoch, die Umweltschäden des Ausbaus seien erheblich – und die neuen Einnahmen aus dem erweiterten Kanal kämen doch nur der Elite zugute statt Armen wie Nelly Anteojos.

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