„Ausführungsfehler“
Stadt gibt Baufirma Schuld am Einsturz des Kölner Archivs

Am 3. März jährt sich der Einsturz des Kölner Stadtarchivs zum fünften Mal. Dass er mit dem U-Bahn-Bau zusammenhängt, gilt als sicher – der letzte Beweis steht aber aus. Ende des Jahres soll der Fall aufgeklärt sein.
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KölnSchon im Jahr nach dem Einsturz des Stadtarchivs brachte das Kölner Schauspielhaus dazu ein Theaterstück von Elfriede Jelinek. Die damalige Intendantin Karin Beier überflutete am Schluss der Aufführung die ganze Bühne. So spielte sie darauf an, dass ein unterirdischer Wassereinbruch den Einsturz verursacht haben könnte. Die eifrigen U-Bahn-Bauer wiesen in Jelineks Stück jede Verantwortung von sich. Eingespielt wurde ein Zitat des früheren Oberbürgermeisters Fritz Schramma: „Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es sich um eine Naturgewalt handelte.“

Am kommenden Montag (3. März) ist es fünf Jahre her, seit das Archiv einstürzte. Mittlerweile gleicht die Realität zumindest in Ausschnitten dem Jelinek-Stück. Denn noch immer ist die Einsturzursache nicht geklärt. Es hatte irgendwas mit der U-Bahn zu tun - soweit ist man inzwischen. Alles andere ist umstritten. Einige argumentieren wie die Protagonisten des Jelinek-Stücks: Demzufolge gab es unter der Erde einen Wassereinbruch. Plötzlich und unerwartet. Ein Unglück, gewiss - aber schuld? Schuld hätte niemand.

Am Montag zeigte sich Stadtdirektor Guido Kahlen in einer Pressekonferenz zuversichtlich, dass es soweit nicht kommen wird. Die Stadt glaubt nachweisen zu können, dass ein Loch in einer Wand der U-Bahn-Baustelle den Einsturz ausgelöst hat. Nach dieser Theorie flossen durch das Loch große Mengen Sand, Kies und Wasser ab, so dass das Archiv unterspült wurde und einstürzte. Zwei Anwohner starben. Der Schaden wird auf eine Milliarde Euro beziffert.

Das alles ist bisher aber eben nur Theorie. Der Beweis muss erbracht werden, wenn dieses Jahr Spezialtaucher aus den Niederlanden im Einsturzkrater verschwinden. Sie sollen besagtes Loch unterhalb des Grundwasserspiegels ausfindig machen.

Warum das nicht schon lange passiert ist? Darauf hat die Stadt folgende Antwort: Erst musste das in der Grube liegende Archivmaterial geborgen werden, darunter Ratsprotokolle seit dem 14. Jahrhundert, Bölls Nobelpreisurkunde und und und. Als man damit fertig war, musste die Unfallstelle so gesichert werden, dass die Beweisspuren nicht durch neue Erdverschiebungen vernichtet werden konnten.

Es ist ein makaberer Zufall, dass der fünfte Jahrestag des Unglücks auf Rosenmontag fällt. Die Gedenkveranstaltung findet aus diesem Grund um halb acht in der Früh statt, so dass der Oberbürgermeister anschließend noch alle Karnevalstermine wahrnehmen kann. Eine solche Schwerpunktsetzung ist in den Augen vieler Kölner unvermeidlich, lässt aber zumindest bei Außenstehenden die Frage aufkommen, wie ernst es der Stadt mit der Aufklärung wirklich ist.

Stadtdirektor Kahlen versichert, dass Köln durch die Katastrophe wirklich dazugelernt habe. Zwei Artikel des „Kölschen Grundgesetzes“ gälten seitdem nicht mehr: „Et hätt noch immer jot jejange“ (Es ist noch immer gut gegangen) und „Et kütt wie et kütt“ (Es kommt, wie es kommt). In diesem Punkt stimmt ihm sogar der Kabarettist Jürgen Becker zu: „Vor dem Einsturz hat sich Köln immer nur gefeiert“, sagt er. „Das war im Grunde immer nur: Wir sind, wie wir sind, und so wie wir sind, sind wir perfekt. Aber das hat sich durch den Archiv-Einsturz geändert.“ So gründete sich unmittelbar danach die Bürgerinitiative „Köln kann auch anders“, die den Prozess der Aufarbeitung seitdem kritisch begleitet.

Die Staatsanwaltschaft hat kürzlich 106 Beschuldigte benannt, was aber hauptsächlich der Tatsache geschuldet war, dass die Sache sonst verjährt wäre. Ob es auch zu Anklagen kommt, hängt ganz davon ab, ob das Loch in der Wand gefunden wird. Köln wartet auf die Taucher.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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