Ausschreitungen in Frankreich
„Verhaftet, abgeurteilt und bestraft“

Mit Schnellverfahren gegen Randalierer will die französische Regierung die landesweiten sozialen Unruhen in den Griff bekommen. In mehreren Städten gingen unterdessen Autos in Flammen auf - augenscheinlich nur der Auftakt für eine neue Nacht der Gewalt und Zerstörung.

HB PARIS. Staatspräsident Jacques Chirac sagte in seiner ersten Ansprache zu den Unruhen, diejenigen, die Gewalt und Angst säten, würden „verhaftet, abgeurteilt und bestraft“. „Aber ich wiederhole: Da ist eine Vorbedingung, eine Priorität,“ sagte Chirac nach einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates. „Das ist die Wiederherstellung von Recht und Ordnung.“ Premierminister Dominic de Villepin bekräftigte, seine Regierung werde keine „gesetzlosen Zonen“ zulassen und alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen.

Noch während der Rat tagte, ging die Serie von Brandanschlägen weiter: In Nantes, Rennes und Orléans gingen Autos in Flammen auf. Die beiden vorangegangenen Nächte waren die schlimmsten seit Beginn der Auschreitungen vor zehn Tagen gewesen. An diesem „schwarzen Wochenende“ gingen nach Polizeiangaben 2400 Autos und unzählige Gebäude vom Kindergarten bis zum Krämerladen und einem Einkaufszentrum in Flammen auf. Die Polizei setzte Hubschrauber ein und nahm weit mehr als 500 Randalierer fest. Erstmals schlugen mobile Brandstifter-Kommandos auch in der Pariser Innenstadt zu; 51 Autos gingen am Platz der Republik und im 17. Arrondissement in Flammen auf. Die US-Regierung riet ihren Bürgern zur Vorsicht in Paris.

Vergeblich riefen die Regierung, muslimische Würdenträger und die Eltern zweier Jungen, deren Unfalltod die Unruhen ausgelöst hatten, am Samstag zur Ruhe auf. Die Nacht zum Sonntag wurde mit 1300 Brandstiftungen noch schlimmer als zuvor. Dabei verdoppelte sich die Zahl der Anschläge in den Regionen fernab der Hauptstadt auf 554.

Premierminister Dominique de Villepin setzte seine Beratungen mit der muslimischen Gemeinde, Verbänden und Betroffenen fort, um ein beschlossenes Milliardenprogramm für die Problemstädte zu optimieren. Der Lyoner Moschee-Rektor Kamel Kabtane erklärte, die Muslime seien zu „jeder sozialen Verständigung“ in den Gemeinden bereit, könnten „aber nicht die Wirtschafts- und Sozialpolitik ersetzen“. Der Präsident des Muslimrates CFCM, Dalil Boubakeur, verlangte „Worte des Friedens“ von Innenminister Nicolas Sarkozy, dessen Ankündigung, die sozialen Brennpunkte „von Gesindel zu säubern“, als Katalysator der Gewalt gilt.

Mit der Dauer des Konflikts steigt der Druck auf Sarkozy. Sozialistenchef François Hollande gab dem Minister wegen seiner Wortwahl eine Mitschuld an der Eskalation, verzichtete aber auf eine Rücktrittsforderung. „Jetzt den Rücktritt zu fordern hieße, den Randalierern Recht geben“, sagte Parteisprecher Julien Dray.

In der Bevölkerung kommt Sarkozys harte Gangart offensichtlich weiter gut an. Nach einer Umfrage der Sonntagszeitung „Journal du Dimanche“ bescheinigen ihm 57 Prozent ein gutes Image. Allerdings äußern in den Sozialsiedlungen auch viele Bürger, die die Gewalt verurteilten, Verständnis für die Wut der Jugendlichen auf Sarkozy.

Anschläge gab es am Wochenende in allen Regionen vom Ärmelkanal und dem Elsass über das Zentralmassiv bis nach Nizza an der Côte d'Azur. Meist scheuten die Randalierer die Konfrontation mit der Polizei. Doch in Evreux, 40 Kilometer westlich von Paris, zerstörten Banden von Vermummten ein Einkaufszentrum und lieferten sich eine Schlacht mit den Sicherheitskräften. Dabei gab es Zeugen zufolge zahlreiche Verletzte und Plünderungen. Anwohner berichteten, sie hätten sich in ihren Wohnungen verbarrikadiert.

Die meisten Täter stammen aus muslimischen Einwandererfamilien aus Nord- und Schwarzafrika. Engagierte Bürger aus den betroffenen Vierteln versuchten, den Jugendlichen Einhalt zu gebieten. In mehreren Orten gab es Kundgebungen gegen die Gewalt, die jedoch ohne Folgen blieben. Gemeindevertreter teilten die Randalierer in zwei Gruppen: 13- bis 15-jährige Mitläufer und wesentlich ältere, meist vorbestrafte Anführer, die die Gewalt organisieren. Der Soziologe Gérard Mauger erklärte, die Täter seien meist unpolitische Schulversager, denen die körperliche Kraft ganz wichtig sei.

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