Ausstellung im Pergamonmuseum
Ein Mythos wird entzaubert

"Keine Hure. Kein König. Kein Gott. Kein Turm. Babel war nicht Babylon". Mit dieser fünffachen Negation werben Plakate an markanten Stellen Berlins für die Ausstellung "Babylon - Mythos und Wahrheit" im Pergamonmuseum. Sie fasziniert vor allem mit dem Bestand des Vorderasiatischen Museums.

BERLIN. Nach professionell geschürter MoMA - und Metropolitan-Lust hat der Würgegriff der Werbung nun auch das Pergamonmuseum erfasst. Die vom Vorderasiatischen Museum in Kooperation mit dem Louvre und dem Britischen Museum erarbeitete Schau soll offensichtlich noch weit mehr Besucher anlocken, als der meistbesuchte Museumsbau Berlins ohnehin schon zu verkraften hat. Ob die Rechnung gerade mit dieser Ausstellung aufgeht, die den Mythos bis in die zeitgenössische Kunst verfolgt, wird sich zeigen. Die Veranstalter sind jedenfalls für alles gerüstet: In einem Zelt vor dem Haupteingang feiert das Merchandising mit Babelbier und Babelchampagner, mit Babelarmband, Schokolade und Fußball Triumphe.

Die Ausstellung selbst ist weniger plakativ, obwohl der didaktische Teil auf meterhohen Einbauten prangt. Sie setzt in einer den Räumlichkeiten geschuldeten Zweiteilung die archäologischen Fakten der Mythenbildung in Kunst und Religion gegenüber, die Babylon seit Herodot und dem Alten Testament zum Synonym für Sünde, Hochmut und Gewaltherrschaft machten. Diese Abteilung im linken Flügel des Pergamonmuseums erschließt im Altmeisterbereich pointiert die thematische Aneignung durch die bildende Kunst von Dürer bis Eduard Bendemann. Der Turmbau zu Babel, die babylonische Sprachverwirrung, die künstlerische Umsetzung von Psalm 137 (Trauernde Juden im Exil) sind hier die Hauptsujets. Auch Emil Noldes Pfingstbild, in der Sprachverwirrung nicht gerade religionskritische Wirkung hat, ist hier einbezogen.

Die Auswahl zeitgenössischer Kunst dagegen ist mehr bemüht als erhellend, letztlich auch zu schwachbrüstig, um das Thema zeitnah zu vertiefen. Douglas Gordons Hure, mit der auf Plakaten geworben wird, ist Hauptexempel einer Veräußerlichung des Themas. Den verdienten Stellenwert erhalten hier die Babylonszenen aus dem 1916 entstandenen Film "Intolerance" von D.W. Griffith, die bei der ersten Station der Ausstellung im Louvre in eine dunkle Ecke abgedrängt waren.

Stärker als im Louvre präsentieren sich die Ausgrabungen im Pergamonmuseum als die faktenreiche Ultima ratio. Das aus Tausenden von Keramikscherben rekonstruierte Ischtartor ist grandiose In-situ-Kulisse für eine Erinnerung an die deutschen Ausgrabungen in Babylon seit 1899 und die Artefakte, die nach der Fundteilung in die Sammlung des ebenfalls 1899 gegründeten Vorderasiatischen Museums kamen.

Hier, im Zusammenspiel mit den nicht gerade üppigen Pariser und Londoner Leihgaben zeigt sich die Weltgeltung der Berliner Sammlung. Nicht nur Reliefs, Gesetzestafeln, Alltagsgefäße, Medizininstrumente und Schmuck werden hier ausgebreitet. Miniaturhafte Kleinkunst, erotische Terrakottaplaketten und filigrane Reliefs faszinieren mehr als die als die mit Statuen und Reliefs präsenten Götter und Herrscher. Ein mit erhaltenen Metallteilen rekonstruierter Holzpflug und Medizininstrumente sagen mehr über Alltagsleben und Wissensstand einer antiken Zivilisation aus, die 2 000 Jahre eine relativ enge ästhetische Bandbreite hatte.

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