Bärenprobleme post mortem
Italien beschwert sich bei EU wegen „Brunos“ Tod

Arten schützen wollen und Bären abknallen - das geht nicht zusammen, findet Alfonso Pecoraro. Deshalb hat der italienische Umweltminister bei der Europäischen Union formal Beschwerde eingelegt. Bei der Staatsanwaltschaft München gingen unterdessen zahlreiche Strafanzeigen ein.

HB ROM. „Eine Europäische Union, die die ganze Welt dazu auffordert, geschützte Arten zu retten und dann mit Gewehren einen Bären abknallt, ist einfach nicht glaubwürdig“, ärgerte sich der italienische Umweltminister. Deshalb hat er in Brüssel formal beschwerde eingelegt. Die Erschießung des aus dem italienischen Projekt „Life Ursus“ stammenden Braunbären sei „inakzeptabel“, hieß es - zumal Italien Deutschland immer wieder angeboten habe, das Tier zu fangen, zu narkotisieren und wieder in den Adamello-Brenta-Park in Südtirol zu bringen.

„Bruno“ trifft keine Schuld, da sind sich italienische Tierschützer einig. Der am Montag in Bayern erschossene Braunbär war schlicht Teil eines Projektes, das versucht, Bären wieder in ihr ursprüngliches Umfeld zu integrieren. „Ziel ist es, im Grenzgebiet Italien-Österreich-Deutschland wieder Bären anzusiedeln - so wie es früher einmal war“, sagte der WWF-Veterinär Alessandro de Guelmi. „Deshalb kann man auch nicht sagen, dass Bruno 'ausgerissen' ist, denn 'Life Ursus' beschränkt sich nicht auf einen Park oder ein bestimmtes Gebiet.“

Er sei geradezu angewidert von den Schüssen auf den offiziell „JJ1“ genannten Bären, betonte de Guelmi, der maßgeblich für die Tierwelt der italienischen Alpen verantwortlich ist. „Deutschland und Österreich scheinen zurück ins Mittelalter zu wollen und künftig Kopfgelder auf alle Bären auszusetzen“, ärgerte er sich. Die deutschen Behörden hätten den Bären auch mit Gummipatronen abschrecken und so von besiedelten Gebieten abhalten können. „Oder man hätte Bruno narkotisieren und ihm ein Radio-Halsband anlegen können, um so seine Spur zu verfolgen.“

Tierschützer: Bruno war kein Sicherheits-Risiko

Schließlich werde das Projekt „Life Ursus“ von der EU finanziert: „Wenn Deutschland sich der Europäischen Union zugehörig fühlt, dann muss es auch deren Regeln folgen“, betonte de Guelmi. Ein Abschuss komme nur dann in Frage, wenn ein Tier eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellt - „und das ist bei 'Bruno' nie so gewesen“.

Unterdessen forderte das italienische Umweltministerium, dass die EU demnächst Entschädigungen für Landwirte bereitstellt, deren Schafe oder Hühner von hungrigen Bären gefressen wurden. In Italien gibt es bereits ein ähnliches Projekt: Im Nationalpark der Abruzzen, wo es ebenfalls Braunbären gibt, hat eine Vereinigung mit dem Namen „Orso and friends“ aus eigener Tasche die Anpflanzung von 280 Obstbäumen bezahlt und zudem ein großes Maisfeld angelegt - um die Tiere von Schafen und Bauernhöfen fern zu halten.

Im Nationalpark der Abruzzen sind die Bären bereits seit Jahren eine große Touristen-Attraktion. Durch die Eintrittsgelder von Bären- begeisterten Umweltfreunden macht der Park alljährlich Umsätze von über 150 Millionen Euro. „Auch in geschäftlicher Hinsicht war deshalb die Entscheidung Bayerns, 'Bruno' zu töten, purer Wahnsinn“, sagte Park-Direktor Aldo Di Benedetto.

Urlauber stornieren Buchungen rund um Schliersee

In Deutschland protestieren Tierfreunde mit Strafanzeigen gegen den Abschuss des Bären. Nicht nur bei der zuständigen Staatsanwaltschaft München II, sondern auch bei anderen Anklagebehörden sowie bei der Polizei sei bereits „eine Vielzahl“ von Anzeigen eingegangen, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Rüdiger Hödl am Mittwoch.

„Anzeigen kommen laufend - bei uns sind es jetzt 15“, erläuterte Hödl. Sie richteten sich unter anderem gegen Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) und die beim Abschuss beteiligten Jäger. Eine zentrale Frage sei, wie sich die Gefährdungslage vor der Abschussgenehmigung für die Verantwortlichen dargestellt habe. Zum Abschuss selbst werde untersucht, ob er waidgerecht ausgeführt wurde. „Wir prüfen das - danach entscheiden wir, ob wir ein Ermittlungsverfahren einleiten und gegen wen“, sagte Hödl. Die Entscheidung darüber werde nicht vor kommender Woche fallen.

In der Region um Schliersee stornierten zwei Tage nach der Erschießung des Braunbären die ersten Gäste ihren Urlaub. Die Urlauber protestierten damit gegen den Abschuss des Bären. Bei den Kurverwaltungen seien mittlerweile einige dutzend Absagen eingegangen, hieß es.

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