Bank kleiner Leute
Schnelles Geld für Frau Montaño

Luis Alfonso Montaño hat es an diesem Freitag besonders eilig. Im Sauseschritt nimmt der 37-Jährige die Stufen zur Kleinbank Alante im Washingtoner Stadtteil Mount Pleasant. „Ich muss meiner Frau in El Salvador 600 Dollar überweisen. Sie braucht die dringend für eine Haus-Reparatur“, sagt der Gastarbeiter, der noch die Malerhosen anhat und ein Herz-Tattoo am Oberarm trägt.

HB WASHINGTON. Wie jedes Wochenende herrscht bei Alante Hochbetrieb. Vor dem Tresen stehen Latinos Schlange, lösen nach der Schicht ihre Lohnschecks ein und schicken Geld an ihre Familien in Zentralamerika. Dort kann das Geld bereits Sekunden später abgehoben werden – und das alles ohne horrende Gebühren.

Möglich werden derartige Blitz-Transfers durch ein Überweisungssystem per Internet, das die Bank selbst entwickelt hat. Stammkunden wie Montaño hinterlassen ihre Fingerabdrücke in einem biometrischen Lesegerät. Zudem geben sie die Namen des Empfängers an – der Rest ist ein Mausklick.

Anders als die herkömmlichen Anbieter kann Alante den Zahlungsverkehr jedoch nicht mit jedem beliebigen Institut abwickeln. Das Haus ist lediglich an ein Netz mit kleinen Partnerbanken in El Salvador, Guatemala, Honduras, Nicaragua und Bolivien angeschlossen. Die sechs Alante-Banken im Großraum Washington, die alle mit dieser Überweisungssoftware arbeiten, sind Filialen der Microfinance International Corporation (MFI), die in der US-Hauptstadt sitzt (www.mfi-corp.com). „Wir konzentrieren uns vor allem auf die Kleinstverdiener, die vom etablierten Markt kaum bedient werden“, definiert Vizepräsident Kai Schmitz das Firmenziel.

Die 2003 gegründete MFI verfügt in den USA zwar erst über 20 000 feste Kunden. Doch jeden Monat kämen 15 Prozent neue Adressen hinzu, unterstreicht das Management. Ein lukrativer Markt lockt: Die Latinos stellen mit mehr als 40 Millionen Einwohnern die größte Minderheit Amerikas. Hinzu kommen die „Hispanics“ ohne Visum; ihre Zahl wird auf elf Millionen geschätzt.

Auch Gastarbeiter Montaño gehört dazu. Er kam 2002 ins Land und schlägt sich seitdem mit zwei Jobs durch. Denn Geld verdienen können Leute wie Montaño trotzdem, sind sie doch als billige Arbeitskräfte geschätzt und geduldet. Mittlerweile können sie bei mehr als 400 US-Banken Beträge bis etwa 1000 Dollar überweisen. Sie müssen nur eine Bescheinigung vorlegen, die ihr Heimat-Konsulat problemlos ausstellt. Allein 2004 haben lateinamerikanische Gastarbeiter auf der ganzen Welt 46 Milliarden Dollar in ihre Herkunftsländer überwiesen. Das ist ein Rekordwert, der weit über den Kapitalflüssen aus der Entwicklungshilfe und ausländischen Direktinvestitionen liegt.

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