Baustelle zum Gucken
Spektakuläre Bauaktion am Berliner Hauptbahnhof

Passionierte Baustellen-Fans können frohlocken: An diesem Wochenende ist in Berlin eine spektakuläre Ingenieurleistung auf der Großbaustelle des künftigen Hauptbahnhofs zu sehen. Läuft alles nach Plan, werden tonnenschwere Gebäudeteile in luftiger Höhe wie eine Klappbrücke über das Glasdach des Bahnhofs abgesenkt. Etwas Vergleichbares habe es in Europa bisher noch nicht gegeben, sagt der technische Projektleiter, Hany Azer.

HB BERLIN. Mit Spannung fiebert aber nicht nur Azer der Aktion entgegen. Auch das Bau-Team steht unter Druck. Denn geht beim "Umklappen" wider Erwarten etwas schief, könnte der knapp kalkulierte Zeitplan des ehrgeizigen Bahnhofsbaus ins Wanken geraten. Die Eröffnung des neuen Bahnhofs ist für den 28. Mai 2006 geplant, zur Fußball-WM sollen die Züge rollen. Für das jetzt geplante Absenken ist nur ein Zusatz-Wochenende als Zeitpuffer eingeplant.

Immer wieder haben Ingenieure das Absenken der Gebäudebügel durchgerechnet: Dicke Bündel von Stahlseilen und ein riesiges Scharnier sollen die beiden jeweils 1200 Tonnen schweren Stahl-Beton-Bauten halten, während sie von der Senkrechte in die Waagerechte gekippt werden. Der einzige Gegner bei dem technischen Großmanöver sei starker Wind, erläutert Azer. Für Freitagnacht, wenn die Klapp-Aktion beginnen sollen, sind nämlich Gewitter angekündigt. Kräftige Windböen könnten den Start verzögern.

Läuft aber alles nach Plan, bietet sich am Samstagmittag von der Reichstags-Wiese aus der beste Blick auf die Baustelle. Ganz langsam, sechs Meter in der Stunde, sollen sich die beiden Gebäudeteile über dem Bahnhof absenken. Später halten sie das zweite Glasdach der Station und verbinden zwei Bürotürme.

Eine Attraktion war die Großbaustelle Hauptbahnhof für Berliner und Touristen bereits von Anfang an. An Aufsehen erregenden Ingenieurleistungen hat es seit dem Baubeginn im Oktober 1995 nicht gefehlt. Baugruben waren so groß wie elf Fußballfelder, Taucher betonierten unter Wasser. Für den Eisenbahntunnel fraß sich ein Schildvortrieb mit neun Metern Durchmesser durch den Untergrund.

Doch es gab auch jede Menge Ärger mit dem neuen Bahnhof: Bei den Planungen Anfang der 90er Jahre war von Kosten in Höhe 500 Millionen Mark die Rede - und von einer Eröffnung im Jahr 2002. Heute sagt die Bahn zu den Kosten offiziell überhaupt nichts mehr. Projektleiter Azer hofft allerdings, beim Bahnhofsgebäude mit seinen fünf Ebenen unter 700 Millionen Euro Baukosten bleiben zu können. Zudem gibt es ein weiteres Problem: Berlin ist längst nicht so gewachsen, wie noch Anfang der 90er Jahre prognostiziert. So wirkt der schicke Bahnhof für eine 3,4- Millionenstadt inzwischen reichlich überdimensioniert. Er sei eben für die Zukunft gebaut, kontert die Bahn.

Für Pannen und Verzögerungen gibt es heute viele Erklärungen. "Mit dem Bahnhofsbau wurde begonnen, obwohl noch gar nicht alle technischen Genehmigungen vorlagen", erläutert etwa Michael Baufeld, Sprecher der Bahntochter Projektbau. So liefen Bau und Planung lange nebeneinander her. "Dazu kamen neue Sicherheitsauflagen nach Tunnelbränden oder dem Unglück von Eschede", ergänzt Baufeld. Aus Zeit- und Kostengründen wurde das geschwungene Glasdach des Bahnhofs verkürzt. Und zuletzt verklagte der Architekt die Bahn, weil die Beleuchtung im Untergeschoss nicht seinen Vorstellungen entsprach.

Doch im kommenden Jahr will sich der Hauptbahnhof als Station der Superlative präsentieren: Aus allen vier Himmelsrichtungen rollen die Züge heran, die Ost-West-Plattform liegt 10 Meter über, die Nord-Süd- Station 15 Meter unter der Erde. Das erste Mal in seiner Geschichte hat Berlin dann einen zentralem Umsteigebahnhof. "Darum werden uns andere Großstädte bald beneiden", sagt Baufeld.

Das wird sicher auch die Bahnfahrer versöhnlich stimmen, die dieses Wochenende in Berlin einige Nachteile in Kauf nehmen müssen: Aus Sicherheitsgründen ist die Hauptstrecke durch Berlin das ganze Wochenende lang unterbrochen. Züge enden westlich und östlich der Baustelle oder werden umgeleitet.

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