Bayreuther Festspiele
Beifallsstürme für „Lohengrin“

Die Buhrufe für die missglückte „Tannhäuser“-Inszenierung sind vergessen, die Festspiele von Bayreuth haben mit dem „Lohengrin“ eine musikalische Sternstunde der Oper erlebt. Die Inszenierung wurde indes nicht zum Hit.
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BayreuthDaran können auch die Heerscharen von albern auf der Bühne herumtapsenden Laborratten nichts ändern: Dieser Bayreuther „Lohengrin“ war ein Wurf. Glänzend singende Solisten, ein Festspielorchester samt Chor in Bestform, ein umsichtiger Dirigent mit Gespür für die Gesangspartien auf der Bühne - das war Oper vom Feinsten. Der dritte Tag der Richard-Wagner-Festspiele geriet zur Sternstunde des Musiktheaters - mit Betonung auf Musik. Die Besucher quittierten den Abend denn auch mit frenetischem Beifall vor allem für die Solisten. Fast war so etwas wie Erleichterung zu spüren nach der ausgebuhten „Tannhäuser“-Inszenierung zur Eröffnung und den in die Jahre gekommenen „Meistersingern“.

In der Titelrolle hat Bayreuth erneut einen großartigen „Lohengrin“: Klaus Florian Vogt, voriges Jahr als Einspringer noch im Schatten des großen Jonas Kaufmann, könnte zu „der“ Erscheinung der 100. Bayreuther Festspiele werden. Sein kerniger Tenor meistert die Höhe mühelos-locker, hat eine sonore Mittellage und muss in der Tiefe nicht forcieren. Er kann den großen musikalischen Bogen spannen, man versteht jedes Wort - und er beherrscht ein wunderschön-innig gesungenes Piano. Die Stimme klingt leicht nasal, fast eine Renaissance der kopfig-nasalen Tenöre, wie es sie bis zu Zeiten eines Fritz Wunderlich gab.

Dazu sieht dieser Schwanenritter nicht übel aus, womit wir bei Annette Dasch als Elsa wären. Dieses Liebespaar passt wirklich prima zusammen - nicht nur optisch. Daschs Sopran hat einen ähnlich hohen lyrischen Anteil wie Vogts Tenor. Ihre Stimme klingt freilich dramatischer, nicht mehr so fast jugendlich-unverbraucht wie die Männerstimme. Aber sie hat ebenfalls in allen Lagen einen weichen Ansatz, eine makellose Höhe und ein hinreißend klares Piano. Und mit welcher Leidenschaft beide ihre Rollen als Liebende ausfüllten, die doch nicht füreinander bestimmt sind, das schuf wiederholt das berühmte Eiskalt-über-den-Rücken-Gefühl.

Da wollte Georg Zeppenfeld als König Heinrich nicht zurückstehen. Sein Bass scheint auf dem Höhepunkt, ihm gelingt einfach alles. Die Kultiviertheit seiner Stimme sucht in dem Fach ihresgleichen. Auch Petra Lang als bösartige Ortrud und Tómas Tómasson als blutrünstiger Telramund wurden in ihren Partien gefeiert. Samuel Youn ergänzte das Solisten-Sextett als Heerrufer des Königs kongenial.

Auch Andris Nelsons ist als Dirigent in Bayreuth angekommen. Er führt das hervorragend besetzte Festspielorchester schwungvoll durch die Dreieinhalb-Stunden-Partitur. Die drei Vorspiele gelingen klangschön - traumhaft weich die hohen Streicher, satt und sauber in der Intonation die Blechbläser. Dazu ein stimmgewaltig auftrumpfender Opernchor (Einstudierung: Eberhard Friedrich), wie man ihn sich besser kaum wünschen kann.

Die Ratten-Inszenierung von Hans Neuenfels wird auf dem „Grünen Hügel“ auch in diesem Jahr nicht zum Hit. Der Regisseur lässt ratlose Gesichter zurück. Was will er uns mit seinen menschengroßen Laborratten, die ständig Lohengrin und Elsa umschwänzeln, nur sagen? Es gelingt ihm nicht, die unmögliche Liebe von Lohengrin und Elsa zu erklären. Dass er am Ende ein unförmiges Neugeborenes seine Nabelschnur zerreißen und ins Rattenvolk schmeißen lässt, setzt zudem einen unästhetischen Schlusspunkt.

Die 100. Bayreuther Festspiele - gefeiert wird das Jubiläum nicht - dauern bis zum 28. August. Sie bieten neben der umstrittenen „Tannhäuser“-Neuinszenierung von Sebastian Baumgarten und dem „Lohengrin“ zum letzten Mal die „Meistersinger“ in der Inszenierung von Hausherrin Katharina Wagner sowie den „Parsifal“ (Regie: Stefan Herheim) und „Tristan und Isolde“ (Christoph Marthaler).

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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