Beben in Japan: „Nicht noch einmal, bloß nicht noch einmal“

Beben in Japan
„Nicht noch einmal, bloß nicht noch einmal“

Kyoko war im sechsten Stock eines Bürogebäudes in Tokio bei der Arbeit, als heftige Erdbeben die Stadt erschütterten. Inzwischen ist sie unversehrt herausgekommen - und schildert ihre Erlebnisse.
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TokioDie Nachbeben sind am schlimmsten, die im Kopf und die in den Beinen. Auch Kyoko hat das Gefühl, dass ständig alles wackelt, dabei sind es auch weiche Knie, die ihr ab und an einen Streich spielen. Und wenn die Erde tatsächlich bebt, wie in den letzten Stunden beinahe alle zehn Minuten, dann hält sie die Luft an vor Angst. Bloß nicht noch einmal, bloß nicht noch einmal.

Kyoko war im sechsten Stock eines Bürogebäudes in Tokio bei der Arbeit, da lief im Fernsehen die Nachricht, dass es in Miyagi, Iwate und Fukushima ein starkes Erdbeben gegeben habe. Na, sagten sie noch im Büro, eigentlich recht unbesorgt. Ob wir das auch zu spüren bekommen?

Es dauerte nicht lange, und dann kam das Beben, wie eine Welle. Erst langsam und sanft, dann schneller und heftiger. Als die Türen der Schränke aufsprangen und ersten Gegenstände durch den Raum flogen, ging Kyoko in Deckung. "Manche der Mädels", sagt Kyoko und schüttelt den Kopf, "haben einfach nur ,Anhalten!' geschrien."

Sechs Stunden ist das nun her, aber Japan ist noch lange nicht zur Ruhe gekommen. Der Verkehr steht weitgehend still, Züge und U-Bahnen fahren nicht. Kyokos Chef hat Taxigutscheine ausgeben. Aber an den Taxiständen bildeten sich 200 Meter lange Schlangen und tun es noch. Die Busse fahren. Aber dort einzusteigen bedeutet auch, nicht schnell rauszukommen, sollte es wieder losgehen.

Unfassbare Tsunamis haben die Küsten überflutet. In einem Atomkraftwerk ist ein Brand ausgebrochen, nach erster Beruhigung mussten Betreiber und Regierung nun zugeben, die Menschen im Umkreis von drei Kilometern um das Kraftwerk evakuiert zu haben. In manchen Orten sind Straßen aufgerissen oder abgesackt. Zu allem Überfluss soll es morgen in einigen Gegenden, wo die Menschen nun obdachlos sind, schneien.

Den ganzen Abend im Fernsehen läuft nichts als das größte Erdbeben in Japan seit über 100 Jahren. Die Zahl der Toten wird immer größer, von über 200 ist zurzeit die Rede.

Erdbeben-Karte: Wo das Epizentrum lag

Kyoko ist unversehrt aus der Stadt herausgekommen. Das Bürogebäude im Stadtteil Shibuya machte auf den Chef selbst keinen guten Eindruck. Um 16 Uhr beschloss er: Lasst uns alle schnell nach Hause gehen. Doch für viele heißt das nur, nicht mehr zu wissen, wohin. Denn selbst in angrenzende Städte wie Yokohama kommt man kaum.

Für Kyoko war es zumindest beruhigend, dass Restaurants und Convenience-Stores weiter ihr Geschäft betrieben. Das gab ihr ein Gefühl von Normalität im Chaos. Denn als sie nach draußen kam, lagen überall Glasscherben auf der Straße. Beim Laufen schauten viele immer wieder ängstlich nach oben.

Doch nicht jeder, den Kyoko sah, erfasste offenbar die Dramatik der Situation. In Shibuya, erzählt Kyoko, liefen viele junge Leute herum, als ob nichts gewesen sei, einige hätten herumgealbert. "Shibuya", sagt Koyko und schüttelt wieder den Kopf, "ist eben ein ganz junges Viertel. Einige fanden das wohl irgendwie auch cool".

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