Bei den „Schätzen“ handelt es sich um symbolische Gegenstände
Jagd auf die Tupperdose

Eine moderne Form der Schnitzeljagd findet in Deutschland immer mehr Anhänger. Mit Hilfe von GPS-Empfangsgeräten wandern, klettern, radeln oder tauchen Schatzsucher den Koordinaten von Verstecken nach.

Ohne Sicherung. Ohne Seil. Rechts und links geht es gut fünfhundert Meter steil den Felsen bergab. Ermüdet von einer fünf Stunden langen Kletterpartie greift Peter Lanig in einen Felsspalt, um den Schatz zu heben, den er mit seinem GPS-System auf über 2000 Höhenmetern geortet hat. Da ist er : eine Tupperdose. Lanig macht sie auf, trägt sich in das enthaltene Logbuch ein und klettert wieder hinunter. Mission erfüllt. „Der Carinthias 1st Dobratsch GC6FE6 war mit Abstand mein herausfordendster Cache“, sagt Lanig. So klingt das, wenn die neue Generation von Schatzsuchern über ihr Hobby plaudern.

Und von denen gibt es immer mehr. Mit Hilfe eines Global Positioning System (GPS)-Empfängers, der in jede Hosentasche passt, können Nutzer inzwischen weltweit ihren Standort auf wenige Meter genau bestimmen. Auf zentralen Internetseiten sind die exakten Längen- und Breitengrade-Koordinaten von Verstecken angegeben, die sich die Schatzsucher gegenseitig dort hinterlegen. Mit Karten und GPS-Empfänger bewaffnet ziehen die „Geocacher“ (to cache = einen Schatz heben“) dann los und gleichen ihre eigenen Standort pausenlos mit demdefinierten Ziel ab.

Krampfhafter Ehrgeiz ist den Schatzsuchern fremd. Bei den „Schätzen“ handelt es sich um symbolische Gegenstände. „Der Weg ist das Ziel“, sagt Michael Zielinski, DV-Organisator bei der DAK-Versicherung und Hobby-Cacher aus Hamburg. „Viele Caches führen mich in Gegenden, wo ich sonst nie hinfahren würde. Sie zeigen nicht nur Ortsfremden interessante Plätze“, sagt auch Michael Schneider, Nachrichtentechniker bei einer Flugfunkfirma am Baden Airpark.

Die Geocacher bemühen sich stets, die Verstecke in landschaftlich, technisch oder historisch reizvoller Umgebung zu legen. Je nach angegebenem Schwierigkeitsgrad führen die Zielkoordidanten die Schatzsucher dann zu einer ausgedehnten Wanderung entlang des Rotweinwanderpfads im Ahrtal, zu einem Schiffshebewerk an der Elbe oder in ein Felsenmeer am römischen Grenzwall Limes.

Selbst herausfordernde Klettertouren oder gar Unterwasserverstecke, die ertaucht werden müssen, warten auf ihre Entdeckung. Dem Einfallsreichtum sind keine Grenzen gesetzt – dem Zielgebiet auch nicht: In ganz Europa hat die Schatzsuche inzwischen ihre Fangemeinde. „Die Caches führen mich auch in Schweden oder Kroatien zu ungewöhnlichen und fantastisch schönen Plätzen – Reiseführer brauch ich gar nicht mehr“, sagt Cacher Peter Lanig aus Aschaffenburg.

„Ich nutze meine Freizeit während beruflicher Aufenhalte im Ausland oft zur Suche“, sagt Stefan Schneider, Berater in der Halbleiterindustrie aus Mendig bei Koblenz. Sein Hobby führte ihn so unter anderem schon durch die Natur in der Schweiz, Liechtenstein, England und Norwegen.

Das Wachstum der Geocacher- Gemeinde ist stürmisch: Zum Einstieg in die moderne Schnitzeljagd brauchen Interessierte nur einen GPS-Empfänger sowie Kartenmaterial und, je nach Schwierigkeitsgrad, Lust auf Wandern, Radfahren und Klettern in der Natur.

Zudem gehört die kostspielige Einstiegshürde – ein GPS-System – nach Meinung von Marktbeobachtern bald schon zum Standard bei guten Mobiltelefonen und tragbaren Computern oder Handhelds. „Dieses Hobby noch nicht mal über das Kindesalter hinaus“, ist sich auch Michael Schneider sicher.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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