Benedikt XVI. und sein Verhältnis zur Wirtschaft
Kapitalismus-Schelte vom Papst

Benedikt XVI. fordert für die moderne Marktwirtschaft Respekt vor der Würde des Menschen.

DÜSSELDORF. Es war ein zentraler Wendepunkt im Leben Joseph Ratzingers, als er überraschend zu einem Wirtschaftsvergleich griff: Der Bischof sei „nicht ein Manager, ein Chef von eigenen Gnaden, sondern der Beauftragte des anderen, für den er einsteht“, beschrieb er am 28. Mai 1977 in seiner ersten Predigt als Erzbischof von München und Freising im Liebfrauendom sein Amtsverständnis. Das war eine ungewöhnliche Wortwahl. Denn Ratzinger, das wussten seine bayerischen Gläubigen schon damals, war der Inbegriff des philosophisch inspirierten Theologen. Ein begnadeter Dogmatikprofessor, aber kein Kirchenmann, der sich mit wirtschaftlichen Fragen besonders auseinander gesetzt oder mit Managern näher zu tun gehabt hätte.

So war denn diese Wortwahl auch eher abgrenzend gemeint: Nein, ein Manager wollte der Gelehrte auf dem Bischofsstuhl nie sein. Und mit dem Thema Wirtschaft hat sich der kurz darauf zum Kardinal Ernannte nur sporadisch befasst. „Auf den ersten Blick ist – gerade von einer klassischen Wirtschaftstheorie her – nicht zu sehen, was eigentlich Kirche und Wirtschaft miteinander zu tun haben sollen, wenn man einmal beiseite lässt, dass auch die Kirche Träger wirtschaftlicher Unternehmungen und insofern ein Marktfaktor ist“, bemerkte Ratzinger einmal.

Zwar kennt Benedikt XVI. die große Tradition der katholischen Soziallehre, die die Wirtschaftspolitik im Nachkriegsdeutschland mitprägte. Als er Dogmatikprofessor in Münster war, gehörte der dortige Lehrstuhl für Christliche Sozialwissenschaften zu den weltweit führenden. Joseph Kardinal Höffner hatte von Münster aus als Berater der Bundesregierung Einfluss auf deren Sozialpolitik genommen.

Dennoch hat Ratzinger diesen eigentlich nahe liegenden Faden auch in späteren Jahren nie ernsthaft aufgenommen. Erst die Auseinandersetzung mit der in Lateinamerika entstandenen so genannten Befreiungstheologie veranlasste den Präfekten der Glaubenskongregation (seit 1981), die Wirtschaftslage in den unterentwickelten Ländern als Faktor für das Zustandekommen dieser Bewegung in den Blick zu nehmen. „Die Frage nach Markt und Moral ist heute längst kein bloß theoretisches Problem mehr“, analysierte Ratzinger 1985 auf einem Symposium in Rom, welches das Institut der deutschen Wirtschaft mitveranstaltete. Der Versuch, die innere Ungleichheit der globalen Wirtschaftsräume durch Entwicklungsprojekte auszubalancieren, sei gescheitert. „Die Folge ist, dass weite Kreise in der Dritten Welt, die zunächst der Entwicklungshilfe mit großen Hoffnungen entgegengesehen hatten, nun den Grund ihres Elends in der Marktwirtschaft sehen.“

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