Bergell
Rauchsäulen

Reif fürs Bergell: In einem der schönsten Kulturwälder Europas werden derzeit Kastanien geerntet. Rund vier Zentner gibt ein Baum; die Arbeit ist mühsam und macht nicht gerade reich. Und dennoch lohnt sich die Mühe: Allein für die Kastanientorte kommen die Leute von weither.

Um 14 Uhr erklingen Alphörner. Gelbe Lärchen und goldenes Kastanienlaub zaubern einen Herbstwald. Dort, wo Graubünden sich der Sonne entgegenstreckt, liegt das Bergell. Am Boden des Tals stehen die Kastanienselven in vollem Ornat – Ende September, Anfang Oktober leuchtet das Bergell in Gold und Gelb. Und die Kastanien sind reif in einem der schönsten Kulturwälder Europas, der kein wilder ist, sondern Ernte bringt seit Hunderten von Jahren. Die Selven sind Privatbesitz, und das Wandern darin auf den Wegen ist erlaubt. Wer sich eine Frucht aufheben möchte, darf das auf den Wegen tun. Wer beim Sammeln erwischt wird, tut mit 50 Franken Buße (das Kilo Maroni kostet im Laden um die sechs Schweizer Franken). Und wer mag schon den beklauen, der mit Liebe und Leidenschaft diese Wunderwelt hegt.

Aus der Ferne betrachtet, liegt das Bergell in einem leichten, bläulichen Schimmer, und beim Abstieg vom Maloja-Pass riecht es so wie früher bei uns im Herbst auf dem Kartoffelacker, fein und leicht nach Feuer. Erinnerungen an Kindheit und Erntedank. Zwischen den Kastanien stehen Rauchsäulen, die Herbstsonne verleiht ihnen einen mystischen Glanz und zaubert Glitzer in das Laub. Von Castasegna führt der Weg in den Wald und dann hinauf nach Soglio, das wie ein steinerner Adlerhorst oben an der Flanke des Berges liegt. Unten in Castasegna gibt es die charmante Pasticceria Salis mit dem kleinen Laden. Allein für die Kastanientorte kommen die Leute von weither. Der Backofen knackt noch vor Hitze, als Ursula Fogliada-Salis ein Rund anschneidet und köstliches Konditorhandwerk anbietet.

Zwischen dem Dorf und den Selven stehen die alten Dörrhäuser, in denen die Kastanien noch immer getrocknet werden. Eines wurde zum Ferienhaus umgebaut. Was heute romantisch erscheint, war früher schiere Notwendigkeit: Kastanien gedeihen hier am besten, und ihr Nährwert lag zwischen dem von Brot und Kartoffeln. Nachdem die Frucht auf glimmender Glut geröstet wurde, packten die Bauern die Ernte in kleine Säcke und schlugen die Schalen ab. Und so ist es noch heute. Vor den niedrigen, verrußten Türen stapeln sich die Holzscheite. Und in den Selven warten die Leute auf Nebel. „Regen bringt die Kapseln zum Platzen, und der Wind soll die Bäume schütteln“, sagt Nello Derungs, der die Kastanien kennt. So ist es seit Hunderten von Jahren, und die uralten Bäume tragen immer noch. Die ersten Laubfeuer brennen schon, und es riecht gut wie in der vertrauten Kindheit.

Die Arbeit ist mühsam seit einem halben Jahrtausend, so alt sind manche Bäume – viele Familieneigentum seit Generationen, andere durch glückliche Umstände in die Hände von Liebhabern gelangt. Irana Engler hat wie die anderen ihren Wagen abseits vom Baum auf der Wiese geparkt und sich das Kopftuch umgebunden. Die Kofferraumklappen bleiben geöffnet und warten geduldig auf die Ernte. Männer binden sich die Kiepe um, alle zusammen rechen die Wiese unter den Bäumen, entzünden Feuer um Feuer, füllen bald Flechtkörbe, Plastiktüten und Kartoffelsäcke mit den Kastanien. Rund vier Zentner gibt ein Baum. Ständige Arbeit ist dies und kaum Verdienst; und diejenigen, die sie tun, sind stolz und glücklich. Ihretwegen gibt es die Kastanienselven noch. Wer ihre Produkte probiert, schmeckt die Liebe, Lust und Leidenschaft daran. Das ist unten im Dorf nicht anders als oben.

Der Weg nach Soglio führt aus dem Kastanienboden hinaus, der ganze Wald rauscht, als der Wind auffrischt und die Rauchsäulen durcheinanderbringt. Am Weg sitzt eine Familie und ritzt Kastanienschalen ein, der Holzkohlegrill wird angefeuert, und auf dem Steintisch beschlagen die Flaschen mit dem Rosé. Robert schickt seine Festgesellschaft allerdings erst mal mit dem Weidenkörbchen zum Sammeln. Aus dem Kulturwald wird allmählich ein Wildwald, aus dem weiten Tal mit den Kastanienböden zweigt der Pfad in Richtung einer Steilwand ab. Schroff fällt das Ufer hinab, unten tobt wütend ein Bach. Der Pfad mündet in einen dunklen Tunnel, durch den der Wasserfall umgangen wird. Aus dem lieblichen Zaubertal ist eine wilde Welt aus Fels und Stein geworden. Immer noch riecht es nach Rauch.

Bald taucht ein Hochgebirgspanorama auf, das auf Wolken zu schweben scheint, umrahmt von goldenem Herbstlaub, und gleich hier vorn steht eine Kastanienselve. Insektengezirpe, eine Eidechse verschwindet im Laub, das Geläut der Kuhglocken vermischt sich mit den Glocken von Soglio, und in der Ferne echot die muntere Fanfare vom Postauto. Ein fröhlicher Dreiklang und mehr als ein Symbol für Urlaub in den Bergen.

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