Bergwaldprojekt
Zurück zu den Wurzeln

Das Büro hinter sich lassen und der Natur helfen: In deutschen Nationalparks kann jeder eine Woche lang Waldarbeiter sein.

HB KELLERWALD. Auf dem steilen Fichtenhang mitten im Nationalpark riecht es nach feuchtem Waldboden. Die Sonne ist längst aufgegangen. Doch ich sehe schwarz. Kaum ein Lichtstrahl dringt durch das Dickicht der Nadelbäume. Nur ein paar traurige Buchenstängel kämpfen sich durch die Dunkelheit. Wir müssen die Fichten lichten.

An den Stämmen um mich herum stehen ein Bankangestellter, eine Krankenschwester und ein Internet-Experte. Wir tragen Bergschuhe und Anorak. Wir sind Waldarbeiter mitten in einem der letzten großen Buchenwälder Europas.

Die Axt klingt hell, wenn sie auf den Stamm trifft. Zum ersten Mal in meinem Leben fälle ich einen Baum. Die Schulter schmerzt wie seit Wochen schon. Durch das ganze Tal erschallen die hohen Töne unserer Werkzeuge, mal kurz, dann länger. Es ist ein Requiem für die Nadelhölzer. Meine Fichte fällt in Zeitlupe. Und es wird Licht.

Rainer arbeitet seit Jahren in einer Bank. Nun versinkt er im frisch geschlagenen Gehölz und taucht durch das Nadelmeer. Eine kleine Buche ist verschüttet worden. „Ich sehe den Baum vor lauter Wald nicht!“ ruft er aus der Tiefe. Dann taucht das gebogene Buchenstämmchen auf.

In der Mittagspause essen wir heiße Suppe vor dem Lagerfeuer am Waldrand. Kühler Wind weht, es ist Anfang Dezember. Von hinten ziehen Rauchschwaden über meine Schulter. Was ist das? Ich bin es. Ich dampfe. Schwitzen, essen, greifen, rufen, schniefen, tasten - hier ist alles Körper. Eine völlige Erholung für den Kopf. „Am Anfang war ich total im Stress durch den Job“, sagt Internet-Experte Holger. „Nach einer Woche Arbeit im Wald bin ich erholt.“

Wir wohnen am Ufer der Eder im Albert-Schweitzer-Haus, einem einfachen Freizeitheim mit Doppelstockbetten. Die karge Unterkunft ist uns, den 24 Teilnehmern, egal. Wir sind aus allen Himmelsrichtungen angereist, aus Hamburg und München, aus der Nähe von Dresden und der Umgebung von Trier. Für unseren einwöchigen Einsatz bekommen wir kein Geld. Motto: Frage nicht, was dein Wald für dich tun kann. Nimm eine Axt, und schaffe Licht.

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