Berlin
Marketing mit Mauerspechten

20 Jahren nach der Wiedervereinigung wird der Mauerfall zum touristischen Event. Gäste eines Berliner Luxushotels, die den Pauschaltrip "Mauerfall Berlin" buchen, dürfen sich ein original Mauerstück meißeln, solange der Vorrat reicht. Dazu gibt es Currywurst und Champagner.

BERLIN´. Vor 20 Jahren wurden sie berühmt - die Mauerspechte: jene Menschen, die sich mit Hammer und Meißel ein Stück der gefallenen Berliner Mauer als Erinnerung sicherten. Die Überreste des "antifaschistischen Schutzwalls" der DDR sind fast überall verschwunden, doch wer jetzt noch mal Mauerspecht sein möchte, kann dies - im Jubiläumsjahr zwei Jahrzehnte später - im Pauschalangebot eines Luxushotels werden.

Das Westin Grand Hotel an der Friedrichstraße im Bezirk Mitte, dem alten Osten, hat vor seinem Eingang ein bunt bemaltes Mauersegment aufgestellt. Ein Meter ist es breit, 3,70 Meter hoch, 2,7 Tonnen schwer - ausgestattet mit einem Echtheitszertifikat der DDR-Rechtsnachfolgerin, also der Bundesrepublik Deutschland.

Daran darf nun nicht etwa jeder Berliner oder Stadtbesucher nach Belieben im Vorbeigehen mal eben herumhämmern - das verbietet ausdrücklich ein Schild an dem soliden Betonkomplex.

Das Mauerspechten bleibt jenen Hotelkunden vorbehalten, die das zweitägige Übernachtungsangebot "Mauerfall Berlin" des zum Starwood-Arabella-Hotelimperium zählenden Hauses gebucht haben: Für 212 Euro pro Person im Doppelzimmer gibt es nicht nur zwei Nächte einschließlich Frühstücksbuffet, sondern die Chance, sich selbst ein Mauerstück zu meißeln. Das Arbeitsgerät wird gestellt, der Einsatz fotografisch dokumentiert. Zur Stärkung wird eine Berliner Currywurst angeboten. Luxushotelgerecht wird dazu Champagner gereicht.

Hotelchef Rainer Bangert registriert internationales Interesse an seinem Pauschaltrip: "Vor allem unsere internationalen Gäste aus den USA und dem westlichen Europa wollen sich gerne als Mauerspecht betätigen und ein eigenes Stück Erinnerung mit in die Welt tragen."

Ein Stück Mauer aufzutreiben war für das Hotel, das zu DDR-Zeiten als "Grandhotel" Erich Honeckers Vorzeigeadresse war und in den letzten Jahren in millionenschweren Renovierungen vom sozialistischen Erbe gründlich befreit wurde, gar nicht so einfach. "Nach intensiven Internet-Recherchen wurden wir im westfälischen Lünen fündig", berichtet Hotelchef Bangert. Dort hatte eine Immobilienfirma einige Teile auf Lager. Für einen "niedrigen fünfstelligen Betrag" erwarb das Haus das Stück, das einstmals den Westberliner Bezirk Zehlendorf von der Gemeinde Teltow abschnitt.

Das Zwei-Tage-Arrangement ist Teil einer Vielzahl von Aktivitäten, die sich das Berliner Tourismus-Marketing im Jubiläumsjahr hat einfallen lassen. Krise hin, Krise her: Die Hauptstadt hofft, "erneut im Fokus der weltweiten Aufmerksamkeit zu sein", sagen die Stadtvermarkter. Ihr Chef Burkhard Kieker griff als erster mit Hotelmanager Bangert zu Hammer und Meißel. Vorerst gilt das Angebot über das Jubiläums-Datum am 9. November hinaus bis Ende November.

Je nach Verfügbarkeit, versteht sich: Sollte das Hotel eine derart große Nachfrage verzeichnen, dass der Betonkoloss schon vorher zerbröselt worden ist, dann ist für immer Schluss mit den Mauerspecht-Aktivitäten.

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