Berlin
Schwieriges Gedenken

In der Bundeshauptstadt wird derzeit um die Hollywood-Aufarbeitung des Attentats auf Hitler ebenso debattiert, wie die Errichtung eines Mahnmals für gefallene Bundeswehrsoldaten. Was der Wirbel um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Franz Jung und Tom Cruise über den Zustand der Berliner Republik verrät.

Das Dilemma lässt sich leicht auf die Spitze treiben: Hätte Claus Schenk Graf von Stauffenberg die moralische Statur, um im Ehrenmal der Soldaten, das Bundesverteidigungsminister Franz Jung (CDU) plant, einen Platz zu erhalten?

Der Oberst im Hitlerregime, mit antisemitischen Tönen, und spätere Hitler-Attentäter von Stauffenberg wurde vom Saulus zum Paulus. Zuerst empfand er große Affinität zur Hitlerschen Militarisierung der Gesellschaft. Dann gewann der Patriot in ihm die Oberhand, und er sorgte sich wegen des mörderischen Charakters der Nazi-Politik – nicht nur für die Gegner im In- und Ausland, sondern mehr vielleicht noch für das eigene Vaterland.

Stauffenberg wurde nach dem gescheiterten Attentat im Bendlerblock erschossen. Just in diesen symbolisch aufgeheizten Raum will Jung sein Mahnmal hinstellen für die Soldaten, die im Dienste der Bundeswehr – nicht der Wehrmacht wie Stauffenberg – ihr Leben gelassen haben: „Den Toten unserer Bundeswehr – Für Frieden, Recht und Freiheit.“

Wie alle Entscheidungen in Berlin, bei denen der symbolträchtige Mehrwert bei weitem den realpolitischen Charakter übersteigt, bei Entscheidungen, die eher Rituale denn handfeste Konsequenzen heraufbeschwören – siehe Holocaust-Mahnmal –, finden jetzt wieder heftige Grabenkämpfe um Ort und Ausgestaltung eines solchen Ehrenmals statt. Weil er eben nicht zu vermeiden ist, der Streit um die Hoheit über die politische Symbolik.

Umso perfider will es das Schicksal mit der Hauptstadt, wenn ausgerechnet dieser Tage den Berlinern auch noch ein glamouröser und sicherlich alsbald auch international beachteter Nebenkriegsschauplatz erwächst. Tom Cruise, der Hollywood-Schauspieler und stolz bekennende Scientologe, will bald mit Dreharbeiten – richtig: zu einem Stauffenberg-Melodram – beginnen. Und zwar in Berlin!

Ausgerechnet einen Tag vor dem 20. Juli, bekanntlich dem Tag des gescheiterten Hitler-Attentates („Operation Walküre“) im Jahre 1944, möchte er in die nachgeschneiderte Uniform Stauffenbergs steigen, um das Attentat nachzustellen.

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