Berliner Koalitionstheater
Entzauberung in drei Akten

Die große Koalition hat der Republik in diesem Jahr ein paar Reformen und eine Achterbahnfahrt der Stimmungen beschert. Das Handelsblatt blickt zurück. Chronik eines Lust- und Frustspiels.

BERLIN. Vorspiel: Notgeburt, 17. November 2005

Im Paul-Löbe-Haus in Berlin herrscht großes Gedränge. An den kleinen Stehtischen versammeln sich die Matadoren, die Deutschlands Schicksal künftig in die Hand nehmen wollen. Die künftige Kanzlerin Angela Merkel steht neben ihrem künftigen Vize Franz Müntefering. CSU-Chef Edmund Stoiber ist da, ein Zwischen-SPD-Chef namens Matthias Platzeck und viel Fußvolk aus dem riesigen Reservoir von Abgeordneten beider Volksparteien.

Doch obwohl man gerade den Koalitionsvertrag unterschrieben hat, ist niemandem so richtig zum Feiern zu Mute. Statt Sekt gibt es Selters. Schließlich ist die Lage ernst - die Arbeitslosigkeit hoch, den Volksparteien fehlen kleine Koalitionspartner, der umjubelte dritte Platz bei der Fußball-Weltmeisterschaft noch in weiter Ferne.

Deshalb wirkt auch das Lächeln auf den Gesichtern der "Regierung der nationalen Einheit" noch sehr gezwungen. Jahrelang hat man sich bekämpft, und nun soll man zusammen feiern? Noch monatelang wird es den Abgeordneten sichtlich schwer fallen, bei Bundestagsdebatte auch für den Koalitionspartner zu klatschen.

Die Stimmung an den Stehtischen ist auch deshalb gedämpft, weil alle die Geburtsfehler der Koalition kennen. Zu unterschiedlich waren die Interessen, als in der Parlamentarischen Gesellschaft gegenüber dem Reichstag am Koalitionsvertrag gefeilt wurde. Exkanzler Schröder wachte als Teilnehmer über sein Lebenswerk. Franz Müntefering sicherte seine Vizekanzlerschaft - aber er brachte Freund und Feind mit seinem plötzlichen Rückzieher vom SPD-Vorsitz ins Schleudern. Die Statik kippte vollends, als Edmund Stoiber die Chance nutzte, den verabredeten Wechsel nach Berlin abzublasen. Seither ist klar, dass die Chefs von zwei der drei Regierungsparteien nicht mit am Kabinettstisch sitzen, sondern die Regierung aus der Ferne mitzusteuern versuchen. Düstere Vorzeichen für die "Koalition der Verantwortung".

Mehr seufzend als begeistert lässt sich die Republik deshalb auf das Experiment der großen Koalition ein. Die Erwartungen sind niedrig: Es geht darum, die Zeit bis zur nächsten Wahl zu überstehen.

Seite 1:

Entzauberung in drei Akten

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Seite 5:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%