Bilanz des Papst-Besuchs
Der volksnahe Papst, der die Reizthemen aussparte

Die Macht der eindrucksvollen Fernsehbilder mit jubelnden Massen und zu Tränen gerührten Gläubigen ist noch frisch. Mit dem Abflug von Papst Benedikt XVI. stellen sich nüchterne Fragen nach dem Ertrag der Reise in seine bayerische Heimat. Eine Bilanz.

Persönliches Auftreten

Joseph Ratzinger hat sich vom einstigen „Panzerkardinal“ als oberster Glaubenshüter im Vatikan zum „Papst unserer Herzen“ (Edmund Stoiber) entwickelt. Zunehmend taute der Papst in Bayern auf, ging auf die Gläubigen an den Absperrgittern zu, küsste Kinder auf die Stirn und änderte spontan immer wieder mal das Programm. Selten sah man ihn so viel lächeln und so entspannt. „Sehr menschlich und verständnisvoll, aber auch mahnend und aufrüttelnd“ lobte die Junge Union Bayern. Seine Botschaft und persönliche Art sei vor allem bei jungen Menschen angekommen. „Sympathisch und den Gläubigen nahe“, urteilte der sonst eher kritische Theologe Hans Küng. „Kein Medienpapst mit Schauspielertalent, der um Beifall heischt. Vielmehr einer, der sich auf die zentrale Wahrheit des Christentums, den Glauben an Gott, konzentriert“.

Zentrale Botschaft

„Die Welt braucht Gott, wir brauchen Gott“, sagte der Papst vor 250 000 Menschen in München. Wie ein roter Faden zog sich durch nahezu alle Predigten und Referate die Konzentration auf die Frage nach dem richtigen Gottesbild. Die Katholiken ermutigte er, dass nicht sie mit ihrem Glauben auf dem Holzweg seien, sondern die Nichtgläubigen. Gott ist konstitutiv für jeden Menschen, lautet das Credo des Papstes. Der katholischen Kirche in Deutschland schrieb er ins Stammbuch, zu wenig spirituell zu sein und eher soziale als missionarische Projekte zu fördern. Und politische Themen? Fehlanzeige. Am 11. September, dem Jahrestag der Terroranschläge, ging es im Wallfahrtsort Altötting um Maria und das richtige Verständnis von Jesus - wieder Gotteslehre. Papst Johannes Paul II. hatte eine Neuevangelisierung gefordert, sein Nachfolger lässt mit seinen katechetischen Predigten Taten folgen.

Kirchenreformen

Reizthemen wie Zölibat, Frauenpriestertum, Sexualmoral oder eine Aufwertung der Laien in der Kirche sparte Benedikt aus. Kein Wort. „Er möchte nicht als Mann der harten Forderungen auftreten, sondern der weichen Formulierungen“, meint Küng. „Taktisch klug, verschweigt er das Zölibatsgesetz, ebenso wie das Verbot empfängnisverhütender Mittel und andere römische Unbequemlichkeiten.“

Ökumene

Prachtvolle Bilder einer Prozession und anschließenden ökumenischen Vesper in Regensburg mit orthodoxen und protestantischen Geistlichen. Aber sonst? Kein konkretes Signal zur Annäherung der Konfessionen, nur der Aufruf, die gemeinsame Grundlage, den Glauben an Jesus Christus, deutlicher hervorzuheben, Zeugnis abzulegen. Enttäuschung beim bayerischen evangelischen Landesbischof Johannes Friedrich: Nicht einmal die vereinbarten drei Minuten für ein Gespräch findet der Papst. Über die Medien lässt Friedrich verlauten, er hätte den Papst nach dem gemeinsamen Abendmahl zumindest für konfessionsverschiedene Paare fragen wollen.

Islam

Es war eine kunstvoll gedrechselte akademische Vorlesung zum Thema „Glaube und Vernunft“, die Benedikt an seiner früheren Uni in Regensburg hielt. Doch die Botschaft zwischen den Zeilen dürfte noch für weitere Empörung in der islamischen Welt sorgen: Der Islam solle der Gewalt abschwören, die gewaltsame Verbreitung des Glaubens unter Berufung auf Gott sei nicht statthaft - der Islam habe im Gegensatz zum Christentum ein falsches, weil nicht an die Vernunft gebundenes Gottesbild. Unmut erregte insbesondere ein als Schmähung des Islams empfundenes historisches Zitat des byzantinischen Kaisers Manuel II. Phaleologus (1391-1425) bei der Belagerung Konstantinopels. „Taktloser Papst“ schrieb am Donnerstag das türkische Massenblatt „Sabah“ auf der Titelseite. Im November will der Papst das Land am Bosporus besuchen.

Nachwirkung

In Bayern sehen 69 Prozent der Bürger Glaubensimpulse durch den Papst-Besuch, ergab eine Infratest-dimap-Blitzumfrage für das Bayerischen Fernsehen. Bei den Katholiken beträgt der Anteil 72 Prozent der Befragten, bei den Protestanten sogar 74 Prozent. Soziologen und Theologen sind aber skeptisch hinsichtlich einer nachhaltigen Wirkung zu Gunsten der Kirche. In den vergangenen Jahren nahm die kirchliche Bindung in weiten Teilen der Bevölkerung ab, wie die so genannte Sinus Studie im Frühjahr ergab. Ob der Papst aber den allgemeinen Trend zum Religiösen verstärken wird, ist offen. Der Münchner Kardinal Friedrich Wetter erwartet zwar „keine Masseneintritte in die Kirche“, aber eine Tiefenwirkung bei vielen Menschen und wieder mehr Leben in den Kirchengemeinden.

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