Blutbad schockiert die USA
„Wir hatten einfach Angst“

Mitten in der Vorweihnachtszeit bricht das Unvorstellbare über Newtown herein: Ein tödlicher Amoklauf. Die Kinder in der Schule gingen von einer Notfallübung aus und versteckten sich drei Stunden in den Klassenzimmern.
  • 0

NewtownJulia hat sich drei Stunden unter ihrer Schulbank versteckt. „Es war dunkel, ich habe keinen Laut gehört, außer das Atmen meiner Schulkameraden. Ich hatte Angst, und eigentlich habe ich sie immer noch.“ Dabei hatte die Zwölfjährige Glück, denn es war nicht ihre Schule in Newtown, Connecticut, in der ein Mann am Freitag 20 kleine Kinder und sechs Lehrer getötet hat. Doch der Schock sitzt tief in der ganzen Stadt, die sich eigentlich schon auf Weihnachten gefreut hat.

„Wir haben eine Lock-Down-Übung gemacht. Zumindest hat man uns anfangs gesagt, das es eine Übung ist“, erzählt das Mädchen. Seit ein paar Jahren gibt es solche Notfallübungen in Schulen als Reaktion auf Amokläufe. „Mitten in der Stunde hat unsere Lehrerin den Unterricht unterbrochen. Sie hat die Tür verschlossen und das Licht ausgemacht und wir mussten uns unter unseren Schultischen verstecken. Drei Stunden lang.“ Woran denkt man so lange in der Dunkelheit? „Ich weiß es nicht. Ich habe einfach nur Angst gehabt. Einfach nur Angst.“

Die furchtbaren Nachrichten erfuhr das Mädchen erst viel später. „Der kleine Bruder eines Freundes war in einer der Klassen“, sagt Julia. „Er hat erzählt, dass der Unbekannte in den Klassenraum kam und einfach die Lehrerin erschoss. Einfach so.“ Dem Bruder ihres Freundes sei nichts passiert. „Mein Gott, der Kleine war so tapfer. Er war so unglaublich tapfer“, murmelt sie nur.

Die Gegend um die Schule, in der der Amoklauf geschah, ist weiträumig abgesperrt. Überall stehen Autos mit Blaulicht von Stadt-, Staats- und Bundespolizei und anderen Behörden. Über der Stadt kreist ein halbes Dutzend Hubschrauber. Wer nicht Uniform trägt, so scheint es, ist Journalist. Die kleine Stadt ist in das gleißende Licht der Kamerascheinwerfer getaucht.

Die Menschen hier haben sich entweder in ihren Häusern verkrochen - oder sie stehen auf der Straße und reden. Einfach reden, egal mit wem. So schwierig ist das hier nicht, schließlich kennt hier jeder jeden. Genau deshalb kennt aber auch jeder eines der Opfer. „Wir versuchen, den Leuten einfach Beistand zu leisten“, heißt es vor der kleinen Methodistenkirche. „Dabei ist uns egal, ob die Menschen Angehörige der Opfer sind oder vielleicht Polizisten. Oder einfach Nachbarn. Wer Hilfe braucht, soll sie hier bekommen.“

Julias Vater Robert Haskins hat aus dem Radio von der Schießerei erfahren - und dass angeblich noch ein Täter in der Stadt unterwegs sei. „Ich bin sofort ins Auto gesprungen und wie ein Irrer zu dem Kindergarten gerast, in dem meine vierjährige Tochter gerade war. Davor standen schon zwei Polizisten mit Sturmgewehren.“ Die hätten ihn anfangs nicht einmal zu seiner eigenen Tochter durchgelassen. „Aber irgendwie beruhigend waren die beiden schon.“ Die Nachricht stellte sich schließlich als falsch heraus, der Täter war zu dem Zeitpunkt schon tot.

Am Abend gedachte Newtown in seinen Kirchen der Opfer. Der Parkplatz der katholischen St.-Rose-Kirche ist riesig, er reicht trotzdem nicht. Nicht nur die Dutzenden Journalisten sorgen dafür, dass er überfüllt ist, genau wie die Kirche selbst. Trotzdem ist es im Gotteshaus ganz still, nur von draußen dringt immer wieder Sirenengeheul herein. Draußen vor der Tür brennen kleine Lichter. Es sind 26. Dem Täter mag hier niemand gedenken.

 
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Blutbad schockiert die USA: „Wir hatten einfach Angst“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%