Bluttat erschüttert ehemalige Sträflingsinsel
Die dunkle Seite des Paradieses - Mord auf Norfolk Insel

Für viele wäre es das perfekte Paradies: Auf den Straßen der winzigen Norfolk-Insel geht es gemächlich zu, Handys sind verboten, Glücksspiel, Drogen und US-Schnellrestaurants nicht zu finden. Und: Rund 150 Jahre lang hatte es praktisch keine Kriminalität auf dem gerade einmal 20 Quadratkilometer großen Eiland gegeben. Umso geschockter sind die rund 1800 Insulaner jetzt über einen neuen Mord in ihrer Mitte - dem zweiten innerhalb von nur zwei Jahren.

HB SYDNEY/SINGAPUR. Das Opfer, Norfolks stellvertretender Chefminister Ivens Buffett, wurde nach Ermittlungen der Polizei von seinem Sohn erschossen, der nun in Haft sitzt.

Solch ein schneller Fahrungserfolg blieb den Behörden versagt, nachdem im März 2002 die Leiche der 29-jährigen Janelle Patton in einem Plastiksack gefunden worden war. Die Tat ist trotz der Überschaubarkeit der Insel bis heute ungeklärt. „Die Stimmung ist zutiefst depressiv“, sagt Tom Lloyd, Zeitungsredakteur auf Norfolk, über die Seelenlage der Insulaner nach der zweiten Bluttat. „Es hat lange, lange gedauert, bis wir über den Mord an Janelle Patton hinweggekommen sind“, berichtete er im australischen Rundfunk.

Einst hatte Lloyd das sich selbst verwaltende australische Außengebiet, das vor allem vom Tourismus, Fischfang und Landwirtschaft lebt, als „Oase des Friedens in einer unruhigen Welt“ bezeichnet. Das habe sich nun sehr geändert. Ein Idyll war die sattgrüne Insel mit ihren eigentümlichen Pinien nicht immer. Bis 1855 britische Strafkolonie, erwartete die Häftlinge dort kaum vorstellbare Brutalität. Als „Insel der Verzweiflung“ oder „Hölle des Ozeans“ war das 1774 von Kapitän James Cook entdeckte Eiland bekannt. Zu seiner Zeit als Gefängnisinsel sei Norfolk gar „der schlimmste Ort in der englischsprachigen Welt“ gewesen, schreibt der Historiker Robert Hughes. In einem Fall sei ein Insasse 2000 Mal innerhalb von 36 Monaten ausgepeitscht worden.

Kaum war die Strafkolonie aufgegeben, wurde Norfolk zur neuen Heimat von Nachkommen jener Männer, die Großbritanniens Justiz auch gerne hinter Gittern oder am Galgen gesehen hätte: Nachfahren der weltberühmten Meuterer von der „Bounty“, denen es auf den winzigen Pitcairn-Inseln, auf halben Wege zwischen Neuseeland und Südamerika mitten im Pazifik gelegen, zu eng geworden war. Jeder dritte Einwohner von Norfolk kann heute seine Abstammung zu einem der Meuterer zurückverfolgen. Die Nachnamen jener, die sich 1789 gegen den als unmenschlich beschriebenen Kapitän William Bligh auflehnten und ihn kurzerhand in einem kleinen Boot aussetzten, haben überlebt, wie der von Anführer Fletcher Christian, Edward Young, Matthew Quintal oder John Adams.

Weil zahlreiche Bewohner Norfolks gleich heißen, führt das Telefonbuch der Insel auch häufig ihre Spitznamen auf, damit die Identifikation leichter fällt. Und bis heute sprechen die Einwohner ihre eigene Sprache, ein Gemisch aus dem Englisch des 18. Jahrhunderts und Polynesisch. Der Vater des Mordopfers Janelle Patton hofft, dass die untereinander aufs Engste verwobenen Insulaner durch den Schock der zweiten Bluttat nun stärker als bisher mit der Polizei zusammenarbeiten, um den Tod seiner Tochter aufzuklären. „Vielleicht begreifen sie, dass diese Dinge passieren, dass der Mord an Janell kein Ausnahmefall war, sondern etwas, das in jeder Gemeinschaft der Welt passieren kann“, sagt Ron Patton.

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