Böhmermann und Varoufakis: „Über solche Themen macht man keine Scherze“

Böhmermann und Varoufakis
„Über solche Themen macht man keine Scherze“

Jan Böhmermann hat mit seinem Varoufakis-Video eine Debatte über die Verantwortung von Redaktionen ausgelöst. Im Interview erklärt Medienexperte Neuberger, warum der Satiriker dabei über das Ziel hinausgeschossen ist.
  • 8

DüsseldorfIst das Video nun echt oder nicht? Mit dieser Frage beschäftigte Moderator Jan Böhmermann einen Tag lang die deutsche Öffentlichkeit. Am Mittwochabend behauptete der Satiriker in seiner Fernsehsendung „Neo Magazin Royale“, einen Beitrag mit dem griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis gefälscht zu haben. In dem Ausschnitt von 2013, der unter anderem in der Polit-Talkshow „Günther Jauch“ ausgestrahlt wurde, zeigt Varoufakis den Mittelfinger, während er über den griechischen Haushalt redet. Böhmermann sagt, er habe den Arm reinretuschiert und „belegt“ dies mit einem eigenen Video.

Das ZDF hat inzwischen betont, dass es sich bei der Behauptung um Satire handelt. Aber die Debatte darüber zeigt, wie unsicher Medien bei Quellen aus dem Internet agieren. Christoph Neuberger ist Professor an der LMU München und beschäftigt sich mit Journalismus im Internet. Handelsblatt Online hat mit dem Kommunikationswissenschaftler darüber gesprochen, was die „Lügenpresse“-Vorwürfe mit Böhmermann zu tun haben und wann ein Scherz zu weit geht.

Herr Neuberger, ob gefälscht oder nicht gefälscht – Jan Böhmermann hat die Medien mit seiner Behauptung, der Mittelfinger von Varoufakis sei im Nachhinein in das Video reinretuschiert worden, verunsichert. Warum war das so einfach?
Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe: Einerseits wissen wir, dass es rein technisch gesehen die Möglichkeit gibt, solche Bilder – ob Standbilder oder Bewegbilder – zu manipulieren. Schon in dem Kinofilm „Forrest Gump“ war zu sehen, wie man Nachrichtenbilder mit Personen aus der Zeitgeschichte verändern kann. Ein anderer Grund ist die generelle Kritik, die wir derzeit am Journalismus erleben, die auch durch die ganze „Lügenpresse“-Debatte ausgelöst wurde.

Damit warfen unter anderem die Pegida-Demonstranten den Medien vor, bewusst zu manipulieren.
Genau. Dadurch hat sich die Vorstellung verbreitet, dass Redaktionen immer wieder Falsches berichten und auch nicht in der Lage sind, Manipulationen zu entdecken. Oder aber, wie Böhmermann suggeriert, dass es den Redaktionen einfach in den Kram passe, mit der Auswahl emotionalisierender Bilder eine Debatte anzuheizen und Varoufakis in ein negatives Licht zu rücken.

Die Redaktion von „Günther Jauch“ hat das Thema sehr ernst genommen und sogar in einer Pressemitteilung das ZDF aufgefordert, Beweise für die Manipulation vorzulegen. Ist das übertrieben?
Nein. Da muss natürlich Aufklärung stattfinden. Das ist ein ganz erheblicher Vorwurf an die Redaktion von „Günther Jauch“, dass sie auf eine solche Manipulation reingefallen sein soll. Vor allem gewinnt das Thema dadurch an Brisanz, dass es nicht nur um ein banales Interview geht. In diesem Fall geht es um eine für Europa existenzielle Frage. Wenn eine Redaktion wie „Günther Jauch“ Varoufakis einlädt und er ein Interview gibt, dann ist es eine entscheidende Sache, ob man ihn mit echten Bildern oder mit gefälschten konfrontiert.

Böhmermann hat damit auch gezeigt, dass für viele Redaktionen der Umgang mit Material aus dem Internet schwierig ist.
Die Recherchesituation hat sich für Journalisten durch das Internet radikal verändert, das stimmt. Redaktionen sehen sich mit einer Informationsflut konfrontiert, oft sind Herkunft und Glaubwürdigkeit des Materials schwer einzuschätzen.  Das ist gilt vor allem im Fall von Katastrophen oder aber in kriegerischen Konflikten. Denn dort besteht auf beiden Seiten ein Interesse, zu manipulieren.

Seite 1:

„Über solche Themen macht man keine Scherze“

Seite 2:

„Der Aufklärungsgehalt war minimal“

Kommentare zu " Böhmermann und Varoufakis: „Über solche Themen macht man keine Scherze“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • der Punkt ist doch die schlechte Recherche vom dem Jauch -Team.Es zeigt wieder einmal,wie heute schlecht und miserabel gearbeitet wird.Heutezutage werden Menschen unschuldig und vorschnell fertig gemacht.Im Prinzip gehört Jauch gerüffelt...Satire gab es schon immer und wenn nun die Forderung laut wird ,dies gehört verboten,ist es der falsche Weg.
    Jauch war schlecht vorbereitet und hat eben kein gutes Team.Das ist das Ergebnis.

  • Schon ein amüsanter Ansatz....
    Das eigentliche Problem ist doch eher die einseitige Darstellung von Jauch. Zwischen seiner "Zusammenfassung" und dem Original liegen Welten - nur dass 90% der Zuschauer sich nicht die Mühe gemacht haben werden das Original anzusehen (und von den restlichen 10% werden viele nicht alles verstanden haben).
    So gesehen ist es egal ob man den Betrag zusammenschneidet oder einen "Stinkefinger" hineinmanipuliert. Das Ergebnis ist das gleiche- es soll in die Sendung passen und für einen "Aufreger" sorgen.

  • Ein durchweg gelungener Beitrag…..
    …….zum Thema mediale Volksverdummung.
    Ich persönlich denke, dass Pegida und Wutbürger durch die stromlinienförmige und beeinflussende Berichterstattung von „Oben“ entstanden sind. Die Politik und Journaille versucht ständig, dem Volk „Ihre“ Meinung vorzugeben. Das hat im Dritten Reich geklappt, aber heute?
    Somit war das doch eine sehr humorvoller Spiegel, den wir vors Gesicht gehalten bekommen haben.
    Nehmen Sie doch das Beispiel „Israel“ – noch Fragen?
    Und übrigens, kein Antisemit. Nicht Juden, sondern Israel. Mir ist Religion scheißegal, mich interessieren nur Menschenrechtsverletzungen – auch von der Staatengemeinschaft geduldet.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%